Presseschau von 18.4.2008
Die Auguren sind sprachlos

Die Wirtschaftspresse gibt nach der Präsentation des Frühjahrsgutachtens keine Entwarnung für die deutsche Regierung. Les Echos hinterfragt den späten Führungswechsel bei der Société Générale. Le Figaro zeigt die stillen Opfer der Subprime-Krise. Der brasilianische Estadao kritisiert die Attacken auf Ethanol. Fundstück: Gordon, der Nichtsnutz.

Nachdem die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute die deutsche Wirtschaft in ihrem Frühjahrsgutachten als robust bezeichnet haben, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dies sei kein Grund zum Feiern für die Regierung. Der Aufschwung am Arbeitsmarkt sei nur zum geringen Teil ihr Verdienst, denn vielmehr arbeite sie daran, die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes zurückzunehmen und neue Hürden für Arbeitswillige zu errichten. „Langfristig lässt sich das Wachstum nur durch bessere Rahmenbedingungen stärken. Steuern und Sozialabgaben dürfen nicht inflationsgetrieben weiter steigen, mahnen die Institute. Aber statt zu sparen, verteilt die Koalition lieber sozialpolitische Geschenke.“

Dass die Prognose der Konjunkturforscher für 2009 so positiv ausfalle, erschüttert aus Sicht der » Financial Times Deutschland die Glaubwürdigkeit des Frühjahrsgutachten – ungeachtet aller Finanzturbulenzen rechneten die Ökonomen damit, dass es in Deutschland weiterhin passabel bergauf gehe. Die Institute zeichneten de facto ein Konjunkturbild, das bei Regierungspolitikern den Reflex auslösen müsse, die Hände in den Schoß zu legen und sich gedanklich voll auf den Wahlkampf vorzubereiten. „Es wäre Unsinn, den Institutsexperten bei ihrer Prognose politische Motive zu unterstellen. Sie haben oft genug gezeigt, dass sie unabhängig arbeiten. Es stünde ihnen auch nicht zu, Schockszenarien zu entwerfen, nur um Politiker unter Druck zu setzen. Im Ergebnis müssen sich die Berater aber den Vorwurf gefallen lassen, dass sie wirtschaftspolitische Desaster beschreiben, die nach nüchterner Auswertung der Prognosemodelle offenbar doch nicht so desaströs sind.“

Die Süddeutsche Zeitung wundert sich über die Sprachlosigkeit der Konjunktur-Auguren. Auf die Frage, wann die weltweite Finanzkrise wohl ende, habe Professor Doktor Kai Carstensen vom Münchner Ifo-Institut gequält geschaut, die Schultern gezuckt und kleinlaut gesagt: „Wir wissen es doch auch nicht.“ Es sei nicht einfach, in Zeiten der Finanzkrise Konjunkturforscher zu sein, kommentiert der Autor. „Treten gänzlich unbekannte Wirtschaftsphänomene mit weltweiten Auswirkungen auf, drohen Konjunkturprognosen schnell zu einem Blick in die Kristallkugel zu werden. Um fair zu sein: Wahrscheinlich gibt es keinen Ökonomen auf der ganzen Welt, der sichere Antworten hat. So wie den Wissenschaftlern geht es allen, den Notenbankern, den Politikern. Nichts Genaues weiß man nicht.“

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