Presseschau von 18.6.2008
Schluss mit Schönwetter

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die Pläne von Angela Merkel und EU-Kommissar Charlie McCreevy zur Reform der Ratingagenturen. Die Financial Times Deutschland geißelt die "ideenlose Renditejagd" bei Pro Sieben Sat1. Portfolio.com porträtiert den Protagonisten der jüngsten Dramen auf dem US-Finanzmarkt. Fundstück: Meine Tochter Preissteigerung.
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Die Süddeutsche Zeitung freut sich darüber, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissar Charlie McCreevy die Ratingagenturen als Hauptschuldige der Finanzmarktkrise ausgemacht haben. Ihre Bewertungsmethoden seien unzureichend gewesen, die Informationen, die ihnen die Banken über Kreditportfolios gegeben hätten, seien außerdem nicht überprüft worden. "Und die Daten der Agenturen basierten offenkundig auf Schönwettermodellen, sie taugten nicht für einen großen Abschwung am Immobilienmarkt." Das größte Problem sei jedoch der Interessenkonflikt, in dem die Bonitätsprüfer steckten: "Die Banken, die Kreditpakete schnüren, bezahlen die Agenturen für ihre Dienste. Der Verdacht liegt nahe, dass hier Gefälligkeitsgutachten entstehen."

Die Irish Times begrüßt die Idee von McCreevy, die Ratingagenturen schärfer unter Kontrolle zu nehmen. Der von der International Organisation of Securities Commissions ausgearbeitete Verhaltenskodex für Ratingagenturen greife viel zu kurz und könne das Vertrauen von Investoren und der Öffentlichkeit nicht wiederherzustellen. Bei seinen Reformüberlegungen setze McCreevy offenbar besonders darauf, dass neue Ratingagenturen auf den Markt gelockt werden, in der Hoffnung, dass diese ein anderes Geschäftsmodell betrieben und mehr Wettbewerb ermöglichten. Fazit: "Eine größere Regulierung von Ratingagenturen ist lange überfällig, und McCreevy unternimmt einen mutigen Schritt in die richtige Richtung."

Im Interview mit dem ARD-Börsenstudio plädiert der Buchautor und BWL-Dozent an der Fachhochschule Worms Max Otte dafür, dass Ratingagenturen in Zukunft kein Geld von den Firmen bekommen, die sie bewerten. "Reformen an den Bewertungsmethoden halte ich für sinnvoll, Ratings sind aber generell schwer zu standardisieren. Da geht viel Spezifisches verloren. Wir sind zu weit gegangen im Prozess der Verbriefung, und es muss ein Deleveraging erfolgen. Hier liegt der Hauptansatzpunkt."

In der britischen Financial Times schießt der ehemalige CEO der Ratingagentur Fitch, Robin Monro-Davies, gegen den Vorschlag von Bundeskanzlerin Angela Merkel, eine europäische Ratingagentur aufzubauen. Die Idee sei "töricht" und gehöre in jede "Anthologie aus sinnlosen politischen Statements". "Was wir brauchen, sind gute Ratingagenturen. Wenn sie Fehler machen, sollten der Markt und die Regulatoren - möglicherweise durch das Animieren zu mehr Wettbewerb - sich darauf konzentrieren, sie zu verbessern. Ihre Nationalität jedoch sollte irrelevant sein."

Mit Blick auf Merkels Vorschlag zur Gründung einer europäischen Ratingagentur verweist EuroWeek auf das Beispiel von Fitch: Die Agentur gehöre einem französischen Unternehmen, Fimalac. "Das zeigt vielleicht, wie (...) sinnlos der kulturelle Ansatz von Merkel ist." Außerdem glaubt EuroWeek nicht, dass alle Probleme der Ratingagenturen durch eine Regulierung gelöst werden können. In den USA seien Moody?s, Standard & Poor?s und Fitch von der SEC lizensiert worden; die Börsenaufsicht habe schon heute die Macht, ihnen Offenlegungspflichten aufzuerlegen. Dies habe die Agenturen jedoch nicht daran gehindert, mit ihren Voraussagen bei zweitklassigen Hypothekenkrediten "wild daneben zu liegen". Eine Überregulierung würde jedoch die Kredit-Ratings ingesamt schwächen. "Das Letzte, was der Markt braucht, ist eine geringere Vielfalt der Meinungen zur Qualität von Krediten."

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