Grauer Kapitalmarkt
Die Scharlatane

Ein neues Gesetz soll Anleger vor Betrügern schützen. Dennoch bleiben Sparer eine leichte Beute für Abzocker. Und Tausende Geschädigte, die schon auf Kriminelle hereingefallen sind, haben kaum etwas von den neuen Regeln.
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DüsseldorfDer Medizinprofessor lebt derzeit spärlicher als jeder Student. Vor zwei Jahren noch empfing der drahtige Mann seine Besucher in Hamburg im hell verglasten Eckbüro nicht weit von der Elbe. Nun muss für Gäste ein fensterloses Zimmer reichen. Holztisch und Stuhl, mehr nicht. Seit 19 Monaten sitzt Heinrich Maria Schulte im hanseatischen Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis. Er zeigt Disziplin. Morgens um sieben steht er auf, schreibt Briefe, liest Doktorarbeiten früherer Studenten.

Das Landgericht Hamburg hat ihn vor wenigen Tagen wegen gewerbsmäßiger Untreue zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass sich Schulte 327-mal am Geld anderer Leute bedient hat. Dabei habe er insgesamt 147 Millionen Euro aus den Fonds von mehr als 30.000 Anlegern entwendet; nur 31 Millionen flossen zurück. Achteinhalb Jahre Haft, das ist eine der härtesten Strafen in deutschen Gerichtsprozessen für Kapitalmarktvergehen. Doch der Staatsanwaltschaft war die Strafe zu milde, der Verteidigung zu hart. Beide gehen in Revision, der Angeklagte bleibt erst einmal in Haft.

Es sind Männer wie Heinrich Maria Schulte, die in Deutschland immer wieder das Vertrauen Tausender Menschen missbrauchen. Männer, die Seriosität ausströmen. Männer, die gern mit viel Geld umgehen, mit eigenem oder am liebsten fremdem. Es sind die Profiteure wilder Geschäfte, die mit der Gier der Menschen spielen und am Ende die Konten einiger weniger füllen.

20 bis 30 Milliarden Euro verlieren die Deutschen Jahr für Jahr in diesem grauen Markt. Grau, weil er nur schwach reguliert ist. Grau, weil er sich in den Hinterhöfen des Finanzkapitalismus abspielt, abseits der Börsen in Frankfurt, London oder New York. Und doch ist dieses Gewerbe ein Magnet für große Anlegerhoffnungen – aber auch ein Tummelplatz für Trickbetrüger. Die vielen Milliarden, die hier angelegt werden, stammen nicht von Millionären: Es handelt sich um hart erarbeitetes, über Jahrzehnte erspartes Geld von Kleinsparern. Oft sind es nur wenige Zehntausend Euro, vorgesehen zur Altersvorsorge.

Egal, ob Erdwärme in Oberbayern, Wolkenkratzer in Dubai oder Gold in Kanada – jede noch so abwegig erscheinende Idee findet bei deutschen Sparern ihre Financiers. Ein Skandal folgte in den vergangenen Jahren dem anderen. Mal verschwanden 50 Millionen Euro, mal 500 Millionen. Verbraucherschützer riefen immer lauter nach Regulierung. Das Anlegerschutzgesetz, das der Bundestag am Donnerstag verabschiedet hat, ist der bislang letzte Versuch in einer Reihe neuer Vorschriften, die dem Treiben Einhalt gebieten sollen. Doch viele Experten sind skeptisch. Auch diesmal tue der Staat zu wenig – und handele viel zu spät.

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