Interview
„Der Streit um das Sorgerecht wird teurer“

Das neue Sorgerecht soll unverheirateten Vätern mehr Rechte verschaffen. Familienanwalt Wolfgang Schwackenberg erklärt, warum die Reform nicht weit genug geht und sogar zu finanziellen Nachteilen führen kann.
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An diesem Freitag entscheidet der Bundesrat über die Reform des Sorgerechts. Sind die Eltern nicht verheiratet, konnte der Vater bislang nicht gegen den Willen der Mutter das Sorgerecht bekommen. Werden unverheiratete Väter nun bessergestellt?
Ja, aber im Vergleich zu verheirateten Vätern ist ihre Position immer noch schlechter. Auch künftig müssen die Unverheirateten das Sorgerecht erst beantragen. Väter, deren Kind in einer Ehe geboren wird, teilen sich dagegen automatisch ab der Geburt des Kindes das Sorgerecht mit der Mutter.

Immerhin soll den Vätern das Sorgerecht nur noch dann verwehrt werden, wenn es dem Kind schaden würde. Die Mutter kann sich nicht mehr quer stellen.
Das ist ein Fortschritt. Mir ist allerdings die Perspektive des Kindes wichtiger als die Sicht der Väter. Deshalb geht mir das Gesetz auch nicht weit genug, das gemeinsame Sorgerecht sollte die Regel sein.

Zwischen verheirateten und ledigen Eltern sollte also nicht mehr unterschieden werden?
Aus jahrelanger Erfahrung weiß ich: Auch wenn die Eltern verheiratet sind, kann es sein, dass sie bei der Geburt des Kindes bereits getrennt leben. Grundsätzlich ist die Unterscheidung zwischen verheirateten und unverheirateten Eltern also in der Praxis wenig sinnvoll.

Ist denn das gemeinsame Sorgerecht tatsächlich immer besser?
Die gemeinsame Sorge ist der natürliche Zustand und müsste der Normalfall sein. Aus Sicht des Kindes spielen der Familienstand der Eltern und die Umstände der Zeugung keine Rolle. Wichtig ist nur, dass beide Elternteile Verantwortung übernehmen und sich um das Kind kümmern.

Was aber tun, wenn die Eltern partout nicht miteinander auskommen?
Es gibt immer Einzelfälle, in denen es zwischen den Eltern nicht klappt. In diesen Fällen kann die gemeinsame Sorge im Streitfall durch das Gericht aufgehoben werden. Die Frage ist, womit fängt man an. Da hat sich der Gesetzgeber aus meiner Sicht leider für das falsche Modell entschieden.

Damit unverheiratete Väter schnell das gemeinsame Sorgerecht bekommen können, sieht das reformierte Gesetz nun ein Eilverfahren vor. Ist das ein Fortschritt?
Dieses Eilverfahren führt zu einer schwierigen Rechtskultur. Das Familiengericht wird dadurch quasi zu einer Verwaltungsbehörde degradiert. Es entscheidet ohne persönliche Anhörung der Eltern und ohne Anhörung des Jugendamtes. Das wird einer so persönlichen Sache wie dem Sorgerecht nicht gerecht.

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