Streitfall des Tages
Kassenpatienten zahlen Millionen für ein Foto

Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte gilt als eines der teuersten IT-Projekte Europas. Kassen und Regierung feiern das Projekt als wegweisend. Doch ist die neue Karte das viele Geld tatsächlich wert?
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Der Fall

Seit zwei Wochen ist Julia Schäpe stolze Besitzerin zweier Versicherungskärtchen. Beide sind von der Techniker Krankenkasse ausgestellt. Beide bewirken, dass sie beim Arzt nach Maßgabe des gesetzlichen Leistungskatalogs behandelt wird. Der einzige Unterschied: Eine Karte ziert ein briefmarkengroßes Foto, die andere, ältere, kommt ohne Lichtbild aus.

Julia Schäpe gehört zu jenen zehn Prozent der rund 70 Millionen gesetzlich Versicherten, denen ihre Kasse bereits ein Exemplar der neuen, elektronischen Gesundheitskarte (eGK) zugeschickt hat. Dass sie ein wahres Wunderwerk der Technik in ihrem Geldbeutel herumträgt, davon allerdings merkt Schäpe bislang noch nichts.

Zwar sollen die Karte mittelfristig mit diversen Patientendaten bespielt und dadurch die medizinische Versorgung in Deutschland revolutioniert werden. Aktuell jedoch sind nicht einmal alle Praxen in der Lage, die neue Karte einzulesen. Oft fehlt noch die erforderliche Technik – und das alte Modell kommt wieder zum Einsatz.

Die Relevanz

Ebenso wie Julia Schäpe sollen Kassenpatienten statt ihrer alten Versicherungskarte schon bald ein Modell mit eingebautem Mikroprozessor und fast unbegrenzten Möglichkeiten erhalten. Ob Allergien, Notfalldaten oder vorangegangene Befunde – in der schönen, neuen Gesundheitswelt lassen sich relevanten Daten für Ärzte und Patienten abrufbar machen. Doppel- und Fehlbehandlungen? Kaum noch möglich. Die Kosten des Medizinbetriebs sinken, Transparenz und Effizienz steigen.

Getrieben von dieser Vision beschlossen die Spitzenorganisationen des Gesundheitswesens im Jahr 2002 die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte. Ein Jahr später goss man das Vorhaben in Gesetzesform, 2005 gründete man die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (gematik), die für Einführung und Betrieb der Gesundheitskarte verantwortlich zeichnet.

Eine schwere Aufgabe. Jahrelang stritten Krankenkassen, Ärzte, Apotheker und Kliniken über die Kosten und den Datenschutz. Die Ausgabe des Wunderplastiks, ursprünglich für 2006 geplant, musste immer wieder verschoben werden.

Nun allerdings wird es ernst: Nach zehn Jahren Dauerzwist hat der Gesetzgeber verfügt, dass die Kassen bis Ende des Jahres zumindest 70 Prozent der Versicherten mit der neuen Karte versorgt haben müssen. Die restlichen 30 Prozent folgen im kommenden Jahr.

Kommentare zu " Streitfall des Tages: Kassenpatienten zahlen Millionen für ein Foto"

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  • Dies Karte hat keinen Sinn:
    1. jeder Bürger hat einen Personalausweis mit Passbild und zudem andere Identifikationsmerkmalen. Damit ist das Bild auf der Kassenkarte überflüssig.
    2. Kostet die Kassenkarte zusätzliches Geld ohne begründeten Mehrwert.
    3. Ist die zentrale Datenhaltung durch Behörden ein leichtfertiger Umgang mit hochsensiblen Daten von Bürgern. Die jüngere Geschichte hat bewiesen, dass die sichere Haltung von Daten, die am Internet oder ähnlichen Vernetzungen hängen oder auch völlig ohne Vernetzung sind, nicht möglich ist. Die Daten sind hochsensibel und durch hohe Motivation/hohen Geldwert besonders der Gefahr der Ausspähung ausgesetzt.
    4. Verletzt die zentrale Erfassung der Daten die Rechte der Bürger an ihrer persönlichen Daten. Ich stimme der Verwendung meiner Daten in dieser Weise keinesfalls zu.
    5. Zwingt der Einsatz der Karte Mediziner zur Aufgabe der ärztlichen Schweigepflicht. Dies wird eine Klagewelle gegen die beteiligten Ärzte auslösen.
    6. Kann bereits haftungsrechtlich die Verwendung vorangegangener Diagnosen nicht uneingeschränkt vorgenommen werden.
    7. Die Verschüsselung wird nach BSI immer mit einem Haltbarkeitsdatum versehen, einer Frist bis zu deren Ablauf anzunehmen ist, dass keine geeigneten Verfahren zur Entschlüsselung exisieren. Diese liegen meist unter 20 Jahren selbst bei derzeit hohem Grad der Verschlüsselung kann also in ca. 20 Jahren ein Verfahren geschaffen werden, dass zur Entschlüsselung fähig ist. Da die Personen jedoch eine Lebensarwartung über 20 Jahren haben und durch die Genetik eine Weitergabe persönlicher Merkmale auf folgende Generationen zu erwarten ist, deren Datanschutz ebenfalls zu gewährleisten ist, kann man davon nur Abstand nehmen.

  • DU BIST DER FEIND

    Diese korrupte Politikerpack arbeitet gegen seine Bürger. Diese Karte ist wieder ein schönes Beispiel dafür.

    KONTROLLE & ÜBERWACHUNG sind nur die Vorbereitung für GEWALT & UNTERDRÜCKUNG.

    Aber wir (ich eingeschlossen) haben es nicht anders verdient. Mit uns kann man alles machen, wir sind schlaff und feige.

  • Ich wurde von der Techniker Krankenkasse aufgefordert ein Bild für die neue Krankenkarte zu schicken. Dieses wurde von mir ignoriert. Stattdessen habe ich die Kasse informiert, dass ich meine "alte" Karte verloren hätte. 5 Tage später erhielt ich eine neue Karte ohne Bild, gültig bis 2016, zugeschickt. Ängstlichkeit und Zurückhaltung ist im Umgang mit den Krankenkassen nicht angebracht!
    Marlies

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