Streitfall des Tages
So drangsaliert das Finanzamt Praktikanten

In Deutschland müssen Studenten Experten für Steuer- und Sozialrecht sein. Bei Jobs und Praktikum riskieren sie Kindergeld, Bafög oder Steuervorteil. Was Studenten wissen müssen und wann sie in die Steuerfalle tappen.
  • 3

Der Fall


Er studierte Informatik und war von Oktober 2001 bis zu seinem Abschluss im Sommer 2007 an einer deutschen Universität eingeschrieben. Von Oktober 2005 bis Ende März 2006 absolvierte er ein Praktikum bei einer Firma im amerikanischen Princeton, die ihm dafür einen Zuschuss für Unterkunft und Verpflegung von monatlich 1.400 US-Dollar zahlte. Zudem konnte er einen Mietwagen nutzen.

Für die Zeit des Praktikums kündigte der Student die Wohnung am deutschen Studienort und meldete sich wieder bei seinen Eltern an. Ein Fehler, wie sich nach der Abgabe der Steuererklärung für das Jahr 2005 zeigte. Sein Vater, der die Einkünfte seines Sohnes deklarierte, gab an, die das Praktikum betreffenden Ausgaben hätten das Praktikantengehalt um 276,83 Euro überschritten. Er hatte dabei auch Mehrkosten für Verpflegung und Unterkunft angesetzt.

Das hielt die Familienkasse für nicht zulässig und strich das Kindergeld. Tatsächlich dürfen Einkünfte und Bezüge von Studenten die Freigrenze des § 32 Abs. 4 Satz 2 §63 ESTG nicht übersteigen, ohne das Kindergeld zu gefährden. Dieser Grenzwert lag bei einem über 18-Jährigen in Ausbildung 2005 bei maximal 7.680 Euro Für 2011 liegt dieser Wert bei 8.004 Euro. Werbungskosten oder die Werbungskostenpauschale schieben diese Grenze hinaus.

Da die Familienkasse Aufwendungen für Unterkunft und Verpflegung als ausbildungsbedingten Mehrbedarf nicht anerkannte, überstiegen die Einkünfte des Kindes abzüglich Werbungskosten in diesem Fall den Grenzwert. Denn für das Kalenderjahr wurden zusätzlich zum Praktikum weitere Einkünfte des Sohnes in Höhe von 7.400,88 Euro angemeldet.

Ein Einspruch blieb wirkungslos. Der Vater klagte und das zuständige Finanzgericht gab ihm zunächst recht. Doch jetzt wies der Bundesfinanzhof (Akz. III R 28/09) die Klage ab. Die Einnahmen dürften nicht um die Kosten für Miete und Verpflegungsmehraufwand gekürzt werden, wenn gleichzeitig der Wohnsitz am Studienort aufgegeben wird, heißt es in der Urteilsbegründung.

Schließlich seien Aufwendungen für die auswärtige Unterbringung des Kindes in Ausbildung durch den Jahresgrenzbetrag für eigene Einkünfte und Bezüge des Kindes abgegolten, also durch die 7.680 Euro. Wenn der Student seine Wohnung am Studienort in Deutschland während des Praktikums behalten hätte, und die Familie doppelten Wohnsitzes geltend gemacht hätte, wäre das Kindergeld hingegen zu Recht geflossen.

Durch das Aufgeben der Wohnung sei jedoch aus Sicht der Richter kein Mehraufwand entstanden, der steuerlich berücksichtigt werden müsse.

Kommentare zu " Streitfall des Tages: So drangsaliert das Finanzamt Praktikanten"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Ohne den Einzelfall werten zu können, gilt:
    Der Fiskus drangsaliert nicht nur Praktikanten. Längst hat das unverständliche Steuerrechts Finanzbeamte zu Kollaborateuren der Stimmenkauf- und Schuldenpolitik gemacht. Die Opfer interpretieren unser Steuerrecht als Instrument für das "Wegnehmen, wo noch etwas ist". Zu wenig hat uns vor Jahren die Vernichtung des schwäbischen Unternehmens Schweinle, der Untergang seiner Arbeitsplätze und die Inhaftierung des Unternehmers in einer hochgiftigen Asbestkammer aufgerüttelt. Zuwenig hinterfragen wir, warum der Wirtschaftsstandort Ostdeutschland weniger attraktiv ist, als andere Standorte (s. Kapitalexport der - unter Politikeraufsicht stehenden - Landesbanken nach Irland statt in die NBL). Eine politische Ursache sind gewiss die ausgeprägten verwaltungsnahen Mitgliederstrukturen der Parteien und personelle Stagnation durch Listenmandate.

    In den USA regt sich seit einiger Zeit machtvoller Widerstand - insbesondere aus den Reihen der Leistungsträger. So wundert es nicht, dass hier zu Lande die Tea-Party und tlw. sogar verantwortungsvoll denkende Republikaner tendenziös dargestellt werden. Zwar ist deren gestaltende Wirkung zwecks Gesundung der Finanz- und Steuerpolitik noch nicht absehbar, aber als lebendige Demokratie ist sie längst sichtbar geworden. Nachahmung ist behindert, solange geduldet wird, dass dieses zentrale Politikinteresse inmitten der Gesellschaft hier von Extremisten aller Couleur – insbesondere aber von Randalierern, Antisemiten und NS-Zeit-Bewunderern in Verruf gebracht werden darf.

  • Die Überschrift ist völlig unpassend.
    Auch in solchen Fällen gelten bitteschön Recht und Gesetz mit der Folge, dass Steuern zu zahlen sind bzw. Kindergeld entfällt.
    Wenn das Finanzamt dieses zu Recht durchsetzt und damit uns andere Steuerzahler vertritt, was soll daran Drangsaliererei sein?

  • Die haben wohl die erste Laschschrift aus Griechenland bekommen!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%