Streitfall des Tages
Wenn der Staat bei den Erben die Hand aufhält

Nicht nur über die Erbschaftsteuer macht der Staat mit dem Tod seiner Bürger beste Geschäfte – er verdient auch an jedem Erbschein. Ärgerlich, denn das Dokument wird oft nicht gebraucht. Was Erben zahlen müssen.
  • 1


Der Fall

Der Anruf aus dem Krankenhaus lag gerade einmal 24 Stunden zurück. Doch Rainer Helle, der gerade seine Frau verloren hatte, funktionierte wie eine Maschine. Er holte den schwarzen Anzug aus dem Schrank und begann mit der Arbeit.

Zunächst erledigte er die wichtigsten Behördengänge. Zwar hatten seine Frau und er gut vorgesorgt – die beiden hatten ein gemeinschaftliches Testament errichtet; auch gab es eine notariell beurkundete Vorsorgevormacht, um sich und die beiden Töchter optimal abzusichern. Doch der postmortale Papierkrieg ließ sich wohl nicht vollständig verhindern.

Sein erster Weg führte Helle daher zum Nachlassgericht. Er kämpfte sich durch die zahllosen Formulare – und beantragte schließlich – auf Anraten des Rechtspflegers („damit mit machen Sie nichts falsch“) - auch einen Erbschein. Seine Gattin hatte schließlich ein erhebliches Vermögen hinterlassen – da wollte Helle auf der sicheren Seite sein.

Dass er mit diesem Antrag vermutlich ein paar Tausend Euro verschenkt hatte, war dem Witwer zu diesem Zeitpunkt nicht klar – denn in seinem Fall hätte er auf einen Erbschein durchaus verzichten können.

Die Gegenseite

Mario Blödtner ist Bundesgeschäftsführer beim Bund Deutscher Rechtspfleger e.V. Sein Berufsstand ist an den Nachlassgerichten unter anderem dafür zuständig, Erben die richtigen Formulare an die Hand zu geben – und gegebenenfalls dafür zu sorgen, dass diese einen Erbschein beantragen.

Seine Erfahrung: „In 90 Prozent aller Fälle ist ein Erbschein unentbehrlich“. Der Grund: „Der Gesetzgeber sieht den Erbschein als das einzige, allgemein anerkannte Legitimationspapier an, das einen Erben als Erben ausweist.“ Zwar gebe es vereinzelt Konstellationen, in denen – etwa weil ein Testament oder eine Vorsorgevollmacht vorhanden sei – auf ein solches Dokument verzichtet werden könne.

Diese Fälle seien aber sehr selten. Vor allem, wenn größere Vermögen vorhanden seien, komme ein Erbe nicht um das Dokument herum. „Banken akzeptieren keine anderen Papiere“, so der Rechtspfleger. Sein Fazit: „Wer zeitnah beim Nachlassgericht einen Erbschein beantragt, ist auf der sicheren Seite, auch wenn der Schein natürlich mit Kosten verbunden ist.“

Kommentare zu " Streitfall des Tages: Wenn der Staat bei den Erben die Hand aufhält"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Viel gravierender als der Staat, in Kumpanei mit den Nachlasspflegern, ist das Beuteschema der
    professionellen Erbensucher, die sich ein Honorar von
    25% des Erbes genehmigen + Spesen, auch bei einfachen Fällen.
    Da es sich oftmals um betagte Leute handelt,
    kann man diese gut über den Tisch ziehen.
    Hier finden Betrügereien statt, die einer Veröffentlichung
    in der Presse würdig wären, weil sie gerne im Dunkeln arbeiten.
    Das ist ein Ausbeutungsgeschaäft, wo es um 100te Millionen geht.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%