Streitfall des Tages
Wenn der Versicherer den Kunden anklagt

Bei vielen Schadenfällen schieben Versicherer die Schuld den Kunden in die Schuhe. Denn bei grober Fahrlässigkeit muss der Versicherte einen Teil des Schadens übernehmen. Wann Versicherte zahlen müssen und wann nicht.
  • 0


Der Fall


Ein 22-Jähriger hatte auf der Rückkehr von einem Rockkonzert um kurz nach sieben Uhr mit seinem Auto morgens einen Laternenpfahl gerammt. Noch anderthalb Stunden später hatte er 2,7 Promille im Blut. Trotz Vollkasko weigerte sich die Versicherung, den Schaden von 6400 Euro an seinem Auto zu ersetzen.

Der Fall gelangte bis zum Bundesgerichtshof. Dieser entschied (Az. IV ZR 225/10) die Vollkasko-Versicherung muss nicht zahlen, wenn der Autofahrer grob fahrlässig im Vollrausch einen Unfall verursacht. Nach dem Gesetz über Versicherungsverträge kann die Leistung bei grob fahrlässig verursachten Schäden zwar – anteilig entsprechend der Verhältnismäßigkeit gekürzt – trotzdem gezahlt werden.

In diesem Ausnahmefall sei aber eine Kürzung auf Null möglich, da eine absolute Fahruntüchtigkeit vorlag. Diese unterstellte der BGH ab 1,1 Promille.

Die Relevanz


Lange konnten Versicherer die Leistung vollständig verweigern, wenn sie beim Versicherten im Zusammenhang mit dem Schaden grobe Fahrlässigkeit nachweisen konnten. Seit der Reform des Versicherungsvertragsgesetzes im Jahre 2008 gilt aber auch im Fall grober Fahrlässigkeit eine angemessene, differenzierte Erstattung – entsprechend wie sich der Versicherte verhalten hat.

Eine genaue Vorgabe, wann ein Versicherter grob fahrlässig handelt gibt es aber nicht. Die Folge sind zahlreiche Rechtsstreiterein.

Die Gegenseite

Die Huk-Coburg, der Marktführer im Bereich der Kfz-Versicherer nahm zur praktischen Umsetzung im Fall der „groben Fahrlässigkeit“ Stellung: „Wir verzichten bereits seit April 2004 in der Kfz-Kaskoversicherung weitgehend auf die Einrede der grob fahrlässigen Herbeiführung des Versicherungsfalles nach § 81 Abs. 2 VVG“ sagt Holger Brendel von der Huk-Coburg „Nur bei Fahrten unter Alkoholeinfluss oder anderer berauschender Mittel, sowie bei grob fahrlässig ermöglichtem Diebstahl des Fahrzeugs oder seiner Teile prüfen wir den Einzelfall.“

Musterquoten und Musterfälle würde es aber noch nicht flächendeckend geben. Auch scheine sich die Rechtsprechung nicht in Richtung starrer Quoten zu entwickeln, sondern den Einzelfall zu betrachten. „In besonders gravierenden Fällen schweren Verschuldens ist bei der Herbeiführung des Versicherungsfalles auch weiterhin volle Leistungsfreiheit möglich“, so Brendel.

Kommentare zu " Streitfall des Tages: Wenn der Versicherer den Kunden anklagt"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%