Streitfall des Tages
Wenn Wildtiere Städter belästigen

Bei Morgengrauen erklingt ein Krächzen aus Hunderten von Kehlen: Krähen rauben den Badenern den Schlaf. Anderswo bedrohen Waschbären, Füchse und Marder die Einwohner. Was Städter gegen tierische Störenfriede tun können.
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Der Fall


Im baden-württembergischen Offenburg häufen sich die Klagen im Rathaus: Saatkrähen haben die 60.000-Einwohner-Stadt zwischen Karlsruhe und Freiburg für sich entdeckt. Zu Hunderten nisten die schwarzen Rabenvögel in Kolonien in den Kronen hoher Pappeln und Erlen.

Gerade im Frühjahr und Sommer, wenn die Tiere in der frühen Dämmerung lauthals krächzend den neuen Tag begrüßen, ist für Anwohner an Schlaf nicht mehr zu denken. „Eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität“, urteilt Boris Klatt von der Stadt Offenburg. Bei dem Leiter des Bürgerbüros flattern dann die Beschwerden ein.

Viel tun kann die Stadtverwaltung jedoch nicht: Denn die Tiere stehen unter Naturschutz, selbst Vergrämungsaktionen, um die Vögel zu verscheuchen, müssen genehmigt werden. „Die Hürden, selbst kleinste Maßnahmen zu ergreifen, sind sehr hoch“, urteilt Klatt. „Man darf im Prinzip gar nichts machen.“

Vor diesem Hintergrund hat sich Offenburg im November mit einer Resolution an den Bundestag gewandt und hofft, dass andere Städte folgen. Die Forderung: Das Bundesnaturschutzgesetz so zu ändern, dass „bestandsregulierende Maßnahmen“ – beispielsweise Eier aus Nestern zu entfernen – und das Jagen erlaubt sind, wenn Saatkrähen in Städten zum Störfaktor werden.

Die Gegenseite


Helmut Opitz, Vizepräsident des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), kann sich noch gut an Zeiten erinnern, in denen Saatkrähen eine Seltenheit waren. Der Rabenvogel galt als bedrohte Tierart. „Wir haben uns immer gefreut, wenn wir mal einen gesehen haben.“ Erst in den vergangenen 20 Jahren haben Saatkrähen wieder Fuß gefasst. Und das vor allem in Städten entlang des Oberrheins.

Denn mittelgroße Kommunen bieten den Koloniebrütern ein vergleichsweise attraktives Umfeld: Dort gibt es Parkbäume zum Nisten, die offene Landschaft mit ihren Nahrungsquellen ist nicht weit und natürliche Feinde fehlen. Der städtische Müll ist für die Tiere ein gefundenes Fressen.

„Wir können froh sein, dass es überhaupt eine Saatkrähen-Population gibt und sich die Tiere in der Stadt ansiedeln“, sagt der Naturschützer, der angesichts des weltweiten Verlusts der Artenvielfalt an die Toleranz betroffener Anwohner appelliert: „Saatkrähen schaden niemandem, sie sind höchstens lästig.“ Lärm und Dreck sind für Helmut Opitz längst kein Grund, die Tiere zu vertreiben oder gar zu jagen. Außerdem bezweifelt der Nabu-Vizepräsident, ob das Krähen-Geschrei im Vergleich zu anderen städtischen Lärmquellen wie Motorräder oder Güterzüge wirklich so stört.

Vergrämungsaktionen greifen nach Einschätzung des Nabu-Vizepräsidenten übrigens sowieso nicht: Wer die Vögel nur vertreibt, muss damit rechnen, dass sie sich an anderer Stelle in der Stadt neu formieren. „Es bliebe als Alternative höchstens, die Horstbäume zu fällen oder die Population ganz auszurotten. Halbe Sachen gibt es da nicht.“

Kommentare zu " Streitfall des Tages: Wenn Wildtiere Städter belästigen"

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  • Intelligente Lösungen, die beide Seiten berücksichtigen, sind ja auch okay, und Krähengeschrei empfindet wohl niemand als angenehm, auch ich leide derzeit stark darunter. Aber da gibt der Artikel ja auch ein paar gute Tipps. Unerträglich ist nur der tumbe, kurzsichtige Egoismus vieler Zeitgenossen.

  • @Obvieus: Wer seine eigenen Lebensgrundlagen vernichtet, könnte dümmer nicht sein. Stellen wir doch mal die Gegenfrage: Was können Tiere tun, wenn Menschen sie nerven oder gar bedrohen und foltern? Macht man schön so weiter und alles platt vom Frosch über den Hahn bis zur Amsel. Und die fälschlich als Unkraut bezeichneten Wildkräuter, die fast alle höchstwertige Nahrungsmittel und/oder Heilpflanzen sind, werden selbstredend auch alle ausgerottet. Bald wird Totenruhe herrschen und Dürre herrschen, unterbrochen nur vom Gelärm der Autos und Maschinen und vom Gedröhn aus Fernsehern und Stereoanlagen und Gegröhle ungeschlachter Menschen. - Schöne neue Welt, viel Spaß!

  • Gemeint ist natürlich @Mensch

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