Telekom-Prozess
Aktionäre hätten sich beraten lassen müssen

Die Entscheidung im Telekom-Prozess vor dem Oberlandesgericht Frankfurt naht. Doch die Chancen für die 17.000 Kläger stehen nicht gut. Die Richterin sieht die Anleger in der Pflicht.
  • 8

FrankfurtDer Schadenersatz-Prozess gegen die Deutsche Telekom steht vor einer Entscheidung. Das Oberlandesgericht Frankfurt will in dem Mammut-Verfahren erst in drei Monaten entscheiden. Das Gericht werde seine Entscheidung am 25. April bekanntgeben, sagte Richterin Birgitta Schier-Ammann am Mittwoch.

Damit kommt eines der größten Wirtschaftsverfahren Deutschlands einen großen Schritt weiter. Gut 16.000 Kleinanleger wollen von der Telekom insgesamt 80 Millionen Euro. In Frankfurt wird exemplarisch der Fall eines schwäbischen Pensionärs geklärt, der 1,2 Millionen Euro fordert. Er hatte im Jahr 2000 einen Teil seiner Ersparnisse in die „Volksaktie“ gesteckt. 66,50 Euro kostete eine Aktie zum Höhepunkt des Technologie- und Börsen-Hypes - zwei Jahre später waren die Titel für gerade einmal acht Euro zu haben.

Viele Anleger fühlten sich von dem Bonner Unternehmen, das mit Schauspieler Manfred Krug groß Werbung für die T-Aktie gemacht hatte, getäuscht und schalteten Anwälte ein. Auf der Suche nach Beweisen dafür, dass die Telekom ihren Investoren damals nicht die volle Wahrheit erzählt hat, zogen diese den Börsenprospekt für eine Telekom-Kapitalerhöhung zurate. Darin habe der ehemalige Staatskonzern die Anleger mit falschen Angaben getäuscht, argumentieren die Klägeranwälte. Die Telekom widerspricht.

Endgültige Klarheit dürften die Streitparteien aber auch nach der Entscheidung der Richterin nicht haben, da der Fall noch vor den Bundesgerichtshof gehen dürfte.

Bei den Börsengängen der Telekom hätten sich die Anleger nach Auffassung des Oberlandesgerichts Frankfurt bei Nichtverstehen des Börsenprospekts beraten lassen müssen. Man müsse trennen zwischen dem fachlichen Prospekt und der Werbung mit dem Schauspieler Manfred Krug, sagte die Vorsitzende Richterin Birgitta Schier-Ammann am letzten Verhandlungstag im Prozess.

Der von enttäuschten Kleinanlegern angegriffene Prospekt zum dritten Börsengang des früheren Staatsunternehmens im Jahr 2000 hätte auch nicht beliebig simplifiziert werden können, weil dies zu Ungenauigkeiten geführt hätte, sagte die Richterin. Mit dem Prospekt hätten auch institutionelle Anleger informiert werden müssen.

Sie sei allerdings sicher, dass sich der Bundesgerichtshof als nächste Instanz noch einmal mit dem Wissenshorizont des durchschnittlichen Anlegers befassen müsse. Sie persönlich halte es für „fast unmöglich“, juristische oder wirtschaftliche Komplexe in schriftlicher Form allgemeinverständlich zu formulieren. Das könne im persönlichen Gespräch leichter gelingen.

Noch keine Stellung nahm der Senat zu den neuen Angriffspunkten zu globalen Haftungsrisiken, welche die Telekom vom Bund und der Staatsbank KfW übernommen hatte. Dorthin waren die Einnahmen aus dem Börsengang geflossen. Zudem soll die Beteiligung an dem US-Mobilfunker Sprint im Jahr 1999 im Prospekt um rund acht Milliarden Euro zu positiv dargestellt worden sein. Auch hierzu wollen die Richter noch weiter beraten.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Telekom-Prozess: Aktionäre hätten sich beraten lassen müssen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Die ersten "Volksaktien" waren VW und VEBA, das war fast noch zu Adenauers Zeiten, der Staat beteiligte damals seine Bürger am Erlös der Privatisierung, um auch breitere Schichten an die Vermögensbildung durch Aktien heranzuführen. Dabei wäre es völlig undenkbar gewesen, den Bürger in einer farbig eindringlichen und breit angelegten Intensiv-(Des-)Informationskampagne zum Kauf zu animieren, um ihm dann später zu erklären, dass die gegebenen Informationen juristisch nicht relevant waren, und seine T-Aktien jetzt halt nur noch einen Bruchteil des ursprünglichen Wertes haben.
    Offensichtlich sieht so die Hilfe zur Vermögensbildung durch Rot/Grün aus.
    Ich selbst habe übrigens niemals derartige Aktien besessen, bin also nicht persönlich betroffen, finde es aber doch bemerkenswert, wie gewisse politische Kreise ungestraft mit ihren Wählern umgehen können.

  • Hier wurden die Anleger getäuscht durch falsche völlig überhöhte Angaben von Vermögenswerten.
    Auch Vermögenswerte sind bewertungsrelevant für einen Aktienkurs. Wäre die T-Aktie kein Staatsunternehmen würden solche Betr....eien nicht übersehen.
    Wie sonst soll ein Anleger den Wert von Firmenimmobilien selbst bewerten????
    Auf die angegebenen Zahlen muß man sich schon verlassen können.

    Schönen Tag noch.

  • Nun bescheinigen auch noch überforderte Richter dem schmierigen Herrn Sommer und Consorten, sie hätten alles richtig gemacht, prima. Dabei muss man sich nur mal vor Augen führen, wie die feinen Herren mit den Kleinanlegern umgesprungen sind, die sich - ebenfalls nach millionenschwerer Werbekampagne - an den Mobilfunk-Hype gehängt und die Aktien der Mobiltochter gekauft haben. Völlig überteuert und von der einschlägigen Journalie "hochgeschrieben" wurden die Papiere an die blöden Kleinaleger gestreut, die dann genau so lange an Bord bleiben durften, bis die (ganz normalen) Anfangsverluste überwunden waren. Danach wurden die armen Deppen per squeeze out zu lächerlich geringen Kursen wieder rausgedrängt, und schwupps hatten die Telekom-Manager sich ein paar Extra-Milliarden an Boni in die Tasche gesteckt. Und dann wundern sich die tollen Fachleute, dass es in Deutschland mit der Aktien-Kultur nicht zum besten steht... Und Ron Sommer, der feine Brioni-Kanzler-Freund, wurde hofiert und gefeiert, statt ihn einzusperren.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%