Altersvorsorge
Warum viele auf das Sparen verzichten

Viele Haushalte freunden sich nur zögerlich mit dem Thema private Altersvorsorge an, obwohl ihr Einkommensniveau ein Sparen theoretisch ermöglicht. Welche Gründe die konsequente Umsetzung der dringend benötigten Altersvorsorge verhindern – Einblicke in psychologische Verhaltensmuster.

AACHEN. Es gibt kaum einen Zweifel darüber, dass die Rentner der Zukunft aus der gesetzlichen Rente kaum mehr Geld bekommen, als sie gerade zum Überleben brauchen. Wer im Alter nicht verarmen möchte, muss privat vorsorgen.

Abgesehen von Haushalten mit sehr niedrigen Einkünften, die objektiv keinen Spielraum zum Sparen haben, und Haushalten, die sehr gut verdienen und genügend Vermögen aufbauen, gibt es die große Gruppe von Haushalten, die sich nur zögerlich mit dem Gedanken der privaten Altersvorsorge anfreunden, obwohl deren Einkommensniveau ein Sparen für das Alter theoretisch ermöglicht. Viele Haushalte aus dieser Gruppe sind sich durchaus bewusst über die Notwendigkeit der Altersvorsorge - irgendetwas hindert sie aber, dies auch konsequent umzusetzen.

Ausschlaggebend sind dafür im Wesentlichen drei Gründe. Erstens ist das Angebot zu undurchschaubar. Es gibt zu viele Produkte für die Altersvorsorge, und die staatlichen Förderungsmodalitäten sind zu komplex. Wie soll dann der Sparwillige die für die Unterschrift unter einen Sparvertrag notwendige psychologische Sicherheit bekommen, das richtige Angebot gefunden zu haben?

Zweitens fehlt es vielen an Selbstdisziplin. Psychologen, die sich mit Entscheidungsforschung beschäftigen, wissen, dass das Gehirn nicht zuerst auf der Basis der "Ratio" entscheidet, sondern anderen wichtigen Bedürfnissen und Emotionen den Vorrang gibt. Zudem werden Konsumenten täglich mit geschickten Werbebotschaften bombardiert, in denen Bedürfnisse geweckt werden, die man kurzfristig befriedigen könnte - natürlich gegen Geld. Da muss die Ratio des Einzelnen schon wirklich stark sein, damit man diesem Druck standhalten kann und auf den Konsum erst einmal verzichtet.

Drittens reduzieren weitere psychologische Verhaltensmuster das Empfinden, etwas für die Altersvorsorge machen zu müssen. Menschen sind kognitiv zu sehr am aktuellen Status Quo verankert - sie können sich nur schwer vorstellen, dass die Zukunft ganz anders sein kann als das Heute. Eine vom Finanzberater vorgerechnete Vorsorgelücke ist zu abstrakt, als dass sie irgendetwas im Kopf des Kunden verändert. Außerdem sind die Entscheidungsprozesse im Menschen so angelegt, dass unangenehme Dinge gerne ausgeblendet werden. Und die Altersvorsorge ist eben kein wirklich angenehmes Thema, insbesondere wenn abzusehen ist, dass es knapp wird.

Es bleibt die Erkenntnis: Die Psychologie erschwert die Sparentscheidung für das Alter. Wir Menschen müssen eben häufig erst fühlen, ehe wir handeln. Das dürfte in diesem Fall aber zu spät sein.

Rüdiger von Nitzsch ist Leiter des Lehrstuhls für Entscheidungsforschung und Finanzdienstleistungen an der RWTH Aachen.

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