Attacke auf die Kassen
Private Krankenversicherer kämpfen ums Überleben

Opposition und Krankenkassen fordern das Ende der privaten Krankenversicherung (PKV). Die Gegner schielen auf deren Geld, um eine Bürgerversicherung zu finanzieren. Doch die Branche wehrt sich - auch heute in Berlin.
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DüsseldorfDer Feind ist erkannt: SPD, Grüne, ein paar CDU-Politiker und die Krankenkassen. Das sind alle jene, die das hierzulande fest etablierte System der privaten Krankenversicherung (PKV) inzwischen für überflüssig halten. „Ich halte das Geschäftsmodell der PKV im Bereich der Vollversicherung für gescheitert“, sagt etwa der Verbandschef der Krankenkassengruppe AOK, Jürgen Graalmann.

Die PKV hält seit Wochen dagegen, auch heute in Berlin. "Einige kuriose öffentliche Angriffe" habe die Branche erleben müssen, sagte der PKV-Verbandschef Reinhold Schulte auf Tagung des Branchenverbandes GDV. "Um es gleich vorweg klarzustellen: Alle diese Vorwürfe über vermeintliche Beitragsexplosionen und angebliche Abwanderungen haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun", erklärte Schulte. So habe sich der Vorsitzende des AOK-Bundesverbandes darin gefallen, ein Horrorszenario vom Ausbluten der PKV zu entwerfen, das durch nichts belegt sei. Dass der Repräsentant privilegierter öffentlich-rechtlicher Körperschaften einen privatwirtschaftlichen Wettbewerber wahrheitswidrig schlechtrede, "ist eine üble Entgleisung". Wenn in der freien Wirtschaft ein Unternehmen so etwas über ein anderes sagen würde, wären Schadenersatzansprüche fällig.

Auch Uwe Laue, der Vorstandsvorsitzende des mit 2,2 Millionen Vollversicherten größten privaten Krankenversicherers, hält dagegen: "Die PKV ist die bessere Alternative im Gesundheitswesen.“ Im Gegensatz zu früher liefert der sonst eher zurückhaltende Manager nun auch öffentlich immer öfter eine Gegenposition. Er beklagt ganz generell eine „Anti-PKV-Propaganda, bei der Einzelfälle ohne Hintergründe und Beweise skandalisiert werden, um ein funktionierendes System Schritt für Schritt kaputt zu reden“.

Als PKV-Gegner wurden zudem die Verbraucherschützer identifiziert. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen habe sich leider nicht mit Ruhm bekleckert, erklärte Schulte in Berlin. Aus ganzen 144 Beschwerden über Prämiensteigerungen habe er allen Ernstes Schlussfolgerungen über angebliche Systemfehler der PKV gezogen. Angesichts von rund 9 Millionen Privatvollversicherten sei das "absolut unseriös" und "absurd". Dies entspreche einer Datenbasis von gerade einmal 0,0016 Prozent.

Die zahlreichen PKV-Gegner wollen die Zweiteilung im Gesundheitswesen aufheben. Das heißt: einerseits die Krankenkassen, die in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mehr als 70 Millionen Kunden bedienen; und andererseits private Versicherer, die derzeit etwa ein Zehntel der Deutschen voll mit Krankenschutz versorgen. Vor allem Beamte, Selbstständige und besser verdienende Angestellte gehören zur Klientel der Privaten.

Für alle soll stattdessen eine Bürgerversicherung eingeführt werden, sozusagen als Basisschutz. Darüber wird zwar bereits seit mehr als einem Jahrzehnt immer mal wieder debattiert, doch nie war die Zustimmung zu dieser Idee so breit wie heute. Realität werden könnte das Konzept durch einen Regierungswechsel im Jahre 2013, falls SPD und Grüne den Machtwechsel schaffen sollten. Finanziert werden könnte dies auch mit dem Geld, das in der PKV jahrzehntelang zurückgelegt worden ist - so lautet zumindest die Befürchtung.

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  • Mehr als die Hälfte aller Wahlberechtigten wollen die Bürgerversicherung. Um wen handelt es sich dabei?
    Cirka 10 Prozent der Wahlberechtigten sind privat krankenversicherung und mit über 90 Prozent davon auch mit ihrer Versicherung zufrieden. Also bleiben die cirka 90 Prozent, die bei den gesetzlichen Krankenkassen versichert sind. Von diesen unterliegt der überwiegende Teil der Versicherungspflicht. Die übrigen Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherung sind zwar dort freiwillig beigetreten oder verblieben. Ein Wechsel in die private Krankenversicherung ist für diese aber uninteressant, weil sie dort für ihr Familienangehörigen einen eigenen Beitrag zahlen müssten. Dass somit ein großer Teil der Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen für die Bürgerversicherung sind, ist somit logisch, wird diesen auch noch versprochen, dass durch den Einschluss der bisherigen Privatversicherten der Beitrag für die gesetzlichen Krankenkassen sinkt und dass sie künftig genau so schnell einen Arzttermin erhalten wie die zwangsversicherten "Privaten".

  • @say the thruth

    Was sollen uns diese verallgemeinernden und undifferenzierten "Stammtisch-Parolen" sagen? PKV ist sinnlos und teuer? Selten so einen Quatsch gelesen!
    Wenn Ihnen im Einbettzimmer zu langweilig ist, können Sie auch in der privaten Versicherung nur das Mehrbettzimmer versichern und dabei sogar noch Beiträge sparen. Ich denke das ist auch eher Ansichtssache, ob ein Mehrbettzimmer mit 3 weiteren Patienten auf einem Zimmer immer so angenehm ist. Das alle Chefärzte "senil" seien ist eine verunglimpfende Unterstellung. Sie sollten mal überlegen, was Sie hier so schreiben. Lassen Sie sich als gesetzlich Versicherter mal 2 medizinisch notwendige Implantate für ca. 4.000€ setzen und hoffen mal auf das von Ihnen angeführte Bonusheft. Es wird Ihnen hier nicht viel helfen, die Leistung der GKV liegt trotzdem nur bei ca. 10-20% der Gesamtkosten.

    In einem Punkt gebe ich Ihnen Recht. Die Ärzterechnungen sollten in Kopie an die Versicherten gehen. Genau das, bzw. Original- und Kopie der Rechnung erhalten die Privatversicherten aufgrund des Kostenerstattungsprinzips in der Privaten Krankenversicherung.

  • Hinter dem Sachleistungsprinzip der GKV verbergen sich natürlich (nicht offengelegte) Zahlungen. Die tatsächlichen geldlichen Leistungen der GKV sind heute schon in Deutschland nur in Ausnahmefällen kostendeckend.
    Jeder gesetzlich Versicherte sollte sich vor Augen halten, dass sein Bargeld die im Gesundheitswesen durch Wegfall der PKV entstehenden Umsatzausfälle ausgleichen wird.
    Anders als Mainstreammedien berichten sind die Beitragssätze der GKV in den letzten 20 bis 30 Jahren nicht wegen einer „Kostenexplosion“ angehoben worden, sondern mussten wegen einer Zunahme nicht erwerbstätiger Bevölkerungsanteile erhöht werden. Sollten im nächsten Jahrzehnt die Babyboomergeneration Rente haben wollen dürften drastische Beitragssatzsteigerungen der GKV fällig werden.
    Der Kassenarzt von heute ist ein Subunternehmer der GKV der seinen Lebensunterhalt durch Nebeneinkünfte aufbessern muss (PKV, IGEL, Gutachten, Erwerbseinkommen des Ehepartners). Da es bereits heute Probleme gibt kassenärztlichen Nachwuchs zu finden kann das System nur auf angestellte Ärzte ausweichen. Die GKV muss dann Einkommen und Sozialversicherungskosten hierfür vollständig übernehmen. Eine diesmal echte Ausgabensteigerung wäre fällig.
    Als Brancheninsider bezweifle ich die Zukunftsfähigkeit der GKV, es bleibt nur die Wahl zwischen drastischen Zuzahlungen und/oder Rationierung. Drei bis fünf Prozent nichtbeihilfefähiger/nichtbeamteter PKV-Versicherte können dies abmildern, jedoch ist ihre Zahl zu gering um dies abzuwenden.
    Jeder der die Wahl zwischen PKV und GKV hat sollte sich fragen ob er in 10 bis 20 Jahren noch eine Vollversorgung auf Weltniveau erhält; gegen „Cash“ ist dies wahrscheinlicher als auf „Krankenschein“. Als Sparschwein ist die PKV ungeeignet.

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