Befindlichkeit der Deutschen
Warum wir so sind, wie wir sind

Vor 80 Jahren griff Hitler nach der Macht. Die Zeitzeugen sterben aus. Die Generation, die als Erwachsene den Krieg erlebt hat, gibt es bald nicht mehr. Aber die Vergangenheit holt uns immer wieder ein. Ein Essay.
  • 39

„Denken Deutsche anders?“ So überschrieb kürzlich ein deutsches Philosophie-Magazin seine Titelgeschichte und fragte gleich weiter: Was macht Deutsche wirtschaftlich so erfolgreich, dass ihre Exportstärke und  neue Führungsrolle in Europa bei den Nachbarn schon wieder Ängste wecken? Ängste, die natürlich vor allem geschichtlich verständlich werden. Doch die Enkel und Urenkel der kriegerischen Aggressoren von einst sind eher kleinmütig und pazifistisch, von Bedenken, Furcht und Selbstzweifeln geplagt.

Psychologen diagnostizieren eine Grundangst vor der Zukunft, einen Mangel an nationaler Identität, einen geringen Selbstwert. Doch woher kommt dann die große wirtschaftliche Kraft? Paradox auch, dass die radikalste wirtschaftspolitische Schwenkung seit dem Krieg – die Energiewende mit dem kompletten Ausstieg aus der Kernenergie – genau diese wirtschaftliche Vorrangstellung wegen der mit der Wende verbundenen enormen Kosten zu  bedrohen scheint. Wie tief muss die Grundangst vor der Zukunft sitzen, dass man bereit ist, so viel zu riskieren. 

Wie besorgt um die Zukunft und ängstlich Deutsche geworden sind, ist vor allem im Ausland bemerkt worden. Viele, die uns von draußen betrachten (aber auch Deutsche mit einer gehörigen Distanz zu sich selbst), meinten, in der Kampagne gegen das Waldsterben und in den Massenprotesten gegen die Nachrüstung mit Fernraketen der Regierung Schmidt die ersten Anzeichen einer „german angst“ ausgemacht zu haben, die seitdem im englischsprachigen Ausland sprichwörtlich geworden ist. „Le Waldsterben“ ging in die französische Sprache als ein gängiger Begriff für ein Phänomen ein, das nach Ansicht vieler Ausländer offenbar nur in der Vorstellung der Deutschen existiert. Für Franzosen endete Waldsterben am Oberrhein. 

Wir Deutsche sehen uns selbst viel lieber ganz anders, und wir fühlen uns in unseren Sorgen und Nöten verspottet und nicht ernst genommen. Doch schon Sigmund Freud unterstellte den Deutschen eine neurotische „Erwartungsangst“: „Personen, die von dieser Art Angst geplagt werden, sehen von allen Möglichkeiten immer die schrecklichste voraus, deuten jeden Zufall als Anzeige eines Unheils.“ Das passt zur deutschen Reaktion auf den japanischen Reaktorunfall. Die Schäden wurden durch ein starkes Erdbeben und einen Tsunami verursacht. Diese Phänomene kommen jedoch in unseren Breiten gar nicht oder nicht in der Wucht vor. 

Das passt auch zu weit verbreiteten diffusen Bedenken gegen Technologien, die wie die Genforschung unerwünschte unbekannte Folgen nach sich ziehen könnten. Genforscher wandern ins Ausland ab, weil sie sich hier nicht entfalten können. Forschungen zur Nuklearenergie wurden schlichtweg abgewürgt.

Offenbar wird überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, dass andere, weit weniger von Zukunftsfurcht belastete Länder auf Gentechnologie und eine weitere Entwicklung der Atomkraft setzen und sich womöglich einen zukunftsträchtigen Vorsprung verschaffen, während die deutsche Wirtschaft das Nachsehen haben wird. China ist so ein Land, das auf neue Formen der Nuklearenergie setzt, für die - man merke auf - in deutschen Forschungsstätten die Grundlagen gelegt wurden, die aber seit langem aus den deutschen Labors und Hörsälen verbannt sind.

 

Kommentare zu " Befindlichkeit der Deutschen: Warum wir so sind, wie wir sind"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Als jemand der in allen Teilen der Welt Zuhause sein kann, die Welt einigermassen kennt und nach neun Jahren fuer zwei Monate wieder mal deutschen Boden betreten hat, glaube ich, ist mir ein einigermassen objektives Bild moeglich.
    Der Schock sass tief, als ich wieder mal deutschen Boden betreten habe.
    In tief gebeugter Haltung hasten die Leute meist mit grimmiger Mine von Punkt A nach B! Soweit sie das ueberhaupt koennen, denn die Mehrzahl scheint mit ihrem Rollator zu schlafen, jedenfalls ist Alt und Gebrechlich, das Auffallendste am Strassenbild, kraeftig durchmischt von Menschen mit uebrwiegend tuerkischem Hintergrund. Was auffaellt, ist, dass offensichtlich in den Schulen, die deutsche Sprache auf Gassen Niveau gelehrt wird, denn eine fluessige Unterhaltung ist mit jungen Leuten nur durch Interpretation einer vielzahl von seltsamen Lauten und der Gestiken dieser Generation moeglich.
    Obwohl Reiseweltmeister betitelt, scheinen sie aber offensichtlich, ueberall in der Welt nur deutsche Kultur zu suchen und anscheinend auch zu finden. Auch nur ein blasser Schimmer von dem was weltweit vorgeht, ist ihnen gaenzlich unbekannt, oder nur von den Nachrichten im TV.
    Wo ich weltweit ueberalll Veraenderungen sehe, wenn mal einige Monate abwesend, so habe ich Deutschland nach zehn Jahren Abwesenheit, fast genau so vorgefunden, wie ich es damals verlassen habe. kaum, Veraenderungen, auch nicht in den Kopepfen der Bevoelkerung und das Tragischste, wenn man mit jungen Leuten spricht, deren Sprache einigermassen der deutschen Sprache entspricht, so stellt man ueberwiegend Apathie fest fuer die Dinge, welche die Welt bewegen.
    Als ich das miterleben musste, war mir sofort klar, dass Wahlen in diesem Land nichts veraendern werden und auch darueber hinaus nichts mehr bewegt wird. Offensichtlich starrt die Jugend auf das Vermoegen, das die Nachkriegsgeneration durchg harte Arbeit erschaffen hat und hofft, nach Ableben dieser Generation von allem Uebel erloest zu werden.

  • Dem ist Nichts hinzuzufügen!

  • „.... Grundangst vor der Zukunft, einen Mangel an nationaler Identität, einen geringen Selbstwert.“

    Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Meine Nationalität steht im Pass und im Personalausweis. Ich gehöre mit einem 6-stelligen Euro-Jahreseinkommen zu den 1 % der Weltbevölkerung mit den höchsten Einkommen und mein Selbstwertgefühl ist völlig intakt.

    „Anders reagieren etwa Engländer.“

    GB hat im vergangenen Jahrhundert ein Weltreich verloren, hat eine riesige Staatsverschuldung und lebt zu einem Großteil nur noch auf dem dünnen Brett der Finanzprodukte. GB ist nur sehr eingeschränkt ein Vorbild für Deutschland.

    „Der Nationalstolz … „

    .. ist was für Versager, die nichts eigenes geschaffen haben, auf das sie stolz sein können.

    „Makel und Schuldgefühle für die Verbrechen der Nationalsozialisten belasten bis heute schwer die Gewissen der nachfolgenden Generationen.“

    Unsinn; ich wurde Jahrzehnte nach dem Holocaust geboren. Ich bin froh, in einem Land zu leben, welches auch 13 verachtenswerte Jahre in seiner Geschichte hat und ich bin froh, durch diese Geschichte ein für allemal von nationalem Größenwahn und blindem Untertanen-Dasein geheilt zu sein.
    …..

    Ein seltsamer Artikel, der versucht, Menschen mit deutschen Pass in die Ecke der einfältigen Tölpel und Verlierer zu stellen und dies mit unserer Geschichte begründet. Alle anderen machen es ja soviel besser als WIR. Das ist QUATSCH.

    WIR sind mit führend beim Abbau der Staatsverschuldung und haben einen ausgeglichenen Haushalt.
    WIR sind mit führend bei der Umstellung der Energieversorgung auf die „Regenerativen“.
    WIR sind eines der exportstärksten Länder der Erde.
    WIR haben es geschafft, nach der Wiedervereinigung die neuen Bundesländer wieder an den Standard der westlichen Bundesländer heran zu führen.
    UNSERE Technologien und Produkte sind überall in der Welt ganz weit vorne im Vergleich zu anderen Industriestaaten.

    WIR sind mit da, wo vorne ist. Das ist eine ganz nüchterne, in der Welt anerkannte, Tatsache.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%