Manipulationsverdacht
Krankenkassen fallen mit fragwürdigen Meldungen auf

Eine immens angestiegene Anzahl von Herzinfarkten von einem Jahr aufs nächste? Solche Zahlen stachen Beamten des Bundesversicherungsamtes bei den Meldungen der Krankenkassen ins Auge. Alles halb so wild, heißt es jetzt.
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Düsseldorf/ BerlinDutzende gesetzliche Krankenkassen haben mit einem auffälligen Anstieg teils kostenträchtiger Diagnosen offizielle Prüfer auf den Plan gerufen. In einem Schreiben vom August, das der Deutschen Presse-Agentur in Berlin vorliegt, wies das Bundesversicherungsamt (BVA) den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung darauf hin.

Hintergrund ist, dass die Kassen für Patienten mit bestimmten Krankheiten mehr Geld bekommen. Seit längerem wird darüber debattiert, ob deshalb Versicherungen bei der Meldung von Krankheiten übertreiben. Die „Rheinische Post“ (Dienstag) berichtete zuerst über das Schreiben.

„Die Mehrzahl der Auffälligkeiten treten bei BKKen auf, unter den auffälligen Kassen sind aber ebenfalls eine IKK, eine AOK und eine Ersatzkasse“, heißt es in dem Schreiben vom August zur umfangreichsten von mehreren Prüfkategorien. Überprüft wurden Daten des Jahres 2009.

So müsse beispielsweise eine BKK plausibel machen, warum in einem Jahr die Zahl der Herzinfarkte bei ihren Versicherten um mehr als 280 Prozent gestiegen sei, während sie durchschnittlich bei allen Kassen um weniger als ein Prozent in die Höhe gegangen sei. Eine Ersatzkasse wiederum habe eine Vermehrung von Hautgeschwüren bei ihren Versicherten um mehr als 30 Prozent verzeichnet, während die Fälle mit diesem Krankheitsbild im gesamten Kassensystem um gerade einmal 1,5 Prozent gestiegen seien.

Den betroffenen Kassen drohen der Zeitung zufolge finanzielle Sanktionen: Sollte es ihnen nicht gelingen, die erheblichen Abweichungen vom Durchschnitt der Krankheitsbilder zu erklären, könne das Bundesversicherungsamt den Kassen die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds kürzen.

Das BVA und der Kassenverband bemühten sich am Dienstag, den Eindruck zu zerstreuen, Kassen stünden in größerem Umfang unter Manipulationsverdacht. „Bei den Auffälligkeitsprüfungen geht es um die Feststellung statistischer Auffälligkeiten“, stellte das BVA fest. „Konkreter Manipulationsverdacht besteht nicht.“ Das aktuelle Konzept für die Auffälligkeitsprüfungen sei im Juli mit dem Kassenverband abgestimmt worden.

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  • Ich habe auf meinem Auszug aus der Datenbank der kassenärztlichen Vereinigung auch einige Diagnosen entdeckt, die ich so nicht kannte. Plötzlich hatte also Krankheiten, die ich nicht habe. Zum Glück habe ich das noch vor Abschluss einer Risikolebensversicherung gesehen und kann jetzt noch gegensteuern bevor ich die abschließe. Das gegenwärtige System funktioniert offensichtlich nicht. Ärzte können ja auch einfach etwas abrechnen, was der Patient nur mitkriegt, wenn er selber aktiv wird oder die Abrechnung von der Krankenkasse verweigert wird. In Firmen würde man wohl von einer Verletzung des Kontrollprinzips sprechen. Im Gesundheitssystem dagegen scheint so etwas gewollt zu sein.

  • So lange Gesellschaften und Institute bestimmen, was behandlungsbedürftige Kranheiten sind, kann das System nicht funktionieren. Wenn man den Ärzten ein Festgehalt geben würde, liefe es anders.
    Ein Mediziner muss erst mal nachschauen, ob seine Diagnose überhaupt eine Krankheit ist, für die er ein Entgelt bekommt.
    Krankheit ist zu einem Geschäftsmodell verkommen. Wie „stetson“ schreibt:“Konkurrenz belebt doch das Geschäft.“ Wie perfide ist es, mit der Krankheit Geschäfte zu machen.
    Ein guter Mediziner steht kurz vor dem Ruin und ein guter „Praxismanager“ steht gut da. Der Verlierer ist der Patient.
    Keine Berufgruppe wird so gut überwacht, wie die Mediziner. Die Krankenkassen sind nur die treuhänderischen Verwalter der Solidargemeinschaft. Wie will man da ein Geschäft machen?
    Man verweigert dem Versicherten viele Leistungen und lässt sich dann als guter Manager feiern.
    Über die Rolle der Politiker in diesem Sytem will ich hier gar nichts sagen.
    Wir haben die letzten Jahrzehnte nicht aufgepasst! Eine Strafanzeige würde hier Wunder wirken.

  • Effizient wäre ein System für Kranken-, Pflege- und Altersversorgung (KV und AV), das grundsätzlich auf privater Initiative beruht, denn nur so schafft man das so dringend benötigte „Kostenbewusstsein“, eine „Bürgerversicherung“ führt ins absolute Versorgungschaos (England, Schweden). Der Staat müsste allerdings entsprechend seinem Auftrag zur Marktregulierung im System der "Sozialen Marktwirtschaft" die Versicherungswirtschaft an der kurzen Leine führen, denn gerade das Gut "Gesundheit" ist ein sensibles Gut und sollte nicht dem „freien Spiel der Marktkräfte“, der totalen Gewinnmaximierung ohne ethische Grenzen, wie etwa in den USA, überlassen werden, was zweifellos auch seinen Preis hat!!! Konkurrenz belebt aber grundsätzlich das Geschäft und ein Mischsystem wie zurzeit mit PKV und GKV könnte so funktionieren, wenn die GKV sich nicht hinter dem Gesetzgeber und der Gesetzgeber sich nicht hinter der GKV bzw. deren Medizinischen Ausschüssen verschanzen würde: Als Folge der früher noch funktionierenden Gewaltenteilung im System der GKV hat der Gesetzgeber als Behandlungsmaximen im BSG vorgeschrieben, daß Festbeträge für Heil- und Hilfsmittel so festzulegen sind, daß sie im Allgemeinen eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche sowie in der Qualität gesicherte Versorgung gewährleistet (z.B. § 35(5) BSG). Grundsätzlich muß aber der behandelnde Arzt bestimmen, was zweckmäßig ist und nicht ein medizinischer Ausschuss, so bisher die Entscheidungen der Sozialgerichte. Im Zuge der sich verstärkenden Finanzkrise, insbesondere der abenteuerlichen Verschuldungen öffentlicher Haushalte scheint jetzt aber der Schäuble die GKV sowie die von ihm pecuniär abhängigen beamteten Richter dazu bewegen können, fast immer zu entscheiden, daß die billigste Versorgung auch die Beste für den GKV-Patienten ist – das ist zu ändern.
    Freundliche Grüße von der AfD
    Klaus Peter Kraa

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