Sieben Fragen an: Reiner Will, Geschäftsführer Assekurata
„Ich sehe einige Denkanstöße für Regulierer“

Lebensversicherungen gelten als krisensicher - oder? Im Gespräch mit dem Handelsblatt äußert sich Reiner Will, Geschäftsführer der Rating-Agentur Assekurata, zu den Belastungen der Anbieter durch die Finanzkrise.

Handelsblatt: Herr Will, Ihre Ratingagentur hat Lebensversicherer auf die Belastung durch die Finanzkrise befragt. Wie lautet das Ergebnis?

Will: Es kam heraus, dass die Finanzkrise natürlich auch an den Versicherungsunternehmen nicht spurlos vorübergegangen ist. Das heißt, die Kapitalanlagerenditen gehen zurück. Allerdings führen die Ausläufer der Krise nach derzeitigem Stand bei keinem der von Assekurata gerateten Lebensversicherer zu einer Gefährdung der Existenz.

Wie sehr wirkt sich der Renditerückgang auf die Gewinnbeteiligungen der Kunden aus?

Wie stark die Gewinnbeteiligungen ab 2009 einbrechen werden, lässt sich nach heutigem Stand nicht genau sagen. Im Marktdurchschnitt erhalten die Kunden nach unseren Untersuchungen über alle Vertragsarten eine laufende Verzinsung von 4,36 Prozent. Die darin enthaltene Garantieverzinsung der Versichertenguthaben liegt je nach Tarifgeneration aktuell zwischen 2,25 und bis zu vier Prozent. Bis dahin könnte die Überschussbeteiligung im Einzelfall sinken. Im Marktdurchschnitt erhalten die Kunden auf das Versichertenguthaben eine Garantieverzinsung von rund 3,5 Prozent.

Und wie sieht es für fondsgebundene Policen aus?

Die Situation von fondsgebundenen Lebensversicherungen hängt davon ab, in welche Papiere der jeweilige Fonds investiert ist und ob gegebenenfalls Wertsicherungsgarantien darin enthalten sind. Generell gilt aber, dass die starken Kursrückgänge an den Finanzmärkten auch das Fondsvermögen der Versicherten vermindern. Kunden, die ihre Altersvorsorge mittels einer fondsgebundenen Lebensversicherung betreiben, sollten in der derzeit kritischen Lage allerdings kühlen Kopf bewahren und nicht in Panik verfallen und womöglich ihre Policen stornieren. Zunächst sollte man sich auch anhand der Bestandsmitteilungen über das Ausmaß ein konkretes Bild machen und dann die gewählte Anlagestrategie, das heißt die Fonds, auf ihre Zukunftsfähigkeit hinterfragen. Schwache Börsen bieten für eine langfristige Anlage auch Chancen.

Erwarten Sie in nächster Zeit Rating-Herabstufungen von Versicherungsunternehmen?

Aktuell rechnen wir nicht damit, dass wir in naher Zukunft einzelne Lebensversicherungsunternehmen herabstufen müssen. Derzeit weisen zumindest die von uns gerateten Unternehmen eine hohe Stabilität aus. Allerdings will ich nicht ausschließen, dass es mittelfristig, wenn überschaubar wird, inwieweit der gesamte Markt von der Krise getroffen wurde, durchaus zu Veränderungen der Ratings kommen kann.

Die Versicherer sind die größten institutionellen Anleger. Dennoch scheinen sie relativ ungeschoren durch die aktuelle Finanzkrisen zu kommen. Wieso?

Die Gründe liegen an den aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen, an welche die Versicherer gebunden sind. Diese betrifft insbesondere eine risikoorientierte Mischung und Streuung der Kapitalanlagen. Darüber hinaus wird über verschiedene Stresstests die Risikotragfähigkeit laufend von der Aufsicht überwacht.

Wo sehen Sie dennoch Handlungsbedarf für die Regulierer?

Aus der Krise können wir einige Denkanstöße mitnehmen. Zum einen sollten gerade in den europäischen Solvabilitätsanforderungen Lehren aus der Krise gezogen werden, so dass es hier nicht zu Regelungen kommt, die in solchen Kapitalmarktkrisen prozyklisch wirken. Das könnte passieren, wenn die Eigenmittelausstattungen infolge von Kurswertschwankungen massiv ansteigen. Alternativ haben sich hier meines Erachtens die Mischungs- und Streuungsvorgaben in der Krise bewährt.

Ist das alles?

Überdenkenswert sind sicherlich auch internationale Bilanzierungsvorschriften für das Versicherungsgeschäft. Die sehr kapitalmarktorientierte Sicht deckt sich nur wenig mit dem langfristigen Altersvorsorgegeschäft der deutschen Lebensversicherer. Und aus Verbrauchersicht sollten Anstrengungen unternommen werden, vor allen Dingen bei den kapitalmarktorientierten Lebensversicherungsprodukten für mehr Transparenz zu sorgen. Vielen Kunden dürfte erst jetzt bewusst werden, welchen Wertschwankungen ein fondsgebundenes Produkt unterliegen kann.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%