Vertreter packen aus (Teil 4)
„Mit Schweine-Mentalität lebt es sich nicht schlecht“

Finanzvertreter berichten offenherzig über Exzesse im Joballtag. Doch die Verkäufer haben die Regeln nicht gemacht. Was müsste passieren, damit Kunden gut beraten werden und Vertriebler gewissenhaft arbeiten können?
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Die neue Zielvorgabe war dann doch zu viel. „Auf einer Tagung für Führungskräfte verkündete der Vorstand, dass wir ein neues Produkt verkaufen sollten, was für die meisten Anleger kaum sinnvoll war“, berichtet der ehemalige Mitarbeiter einer bekannten Privatbank.

Der Banker sollte seinen Kunden Aktienoptionen im Wert von mindestens 200.000 Euro verkaufen – und das jeden Monat. Der Banker kündigte und arbeitet jetzt als unabhängiger Vermögensverwalter. „Ich konnte es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, meine Kunden über den Tisch zu ziehen“.

Ein freier Baufinanzierungsvermittler, der zuvor knapp 20 Jahre bei einem Strukturvertrieb gearbeitet hat, erklärt, dass es aktuell neben den Aussteigern vor allem zwei Typen von Finanzvertrieblern gebe. Die einen würden nach dem Motto leben: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich`s völlig ungeniert. „Sie zocken sich Hundertausende und Millionen Euro ab und dann haben sie die notwendige Kohle für Top-Anwälte“. Die Juristen würden sie dann in den Prozessen raushauen. „Am Ende lebt es sich mit dieser Schweine-Mentalität gar nicht schlecht“.

Der andere Vermittler-Typus sei sensibler. „Diejenigen, die mit einer ordentlichen Einstellung antreten, aber mittlerweile auf der Couch des Psychiaters liegen, weil der Frust einfach grenzenlos ist“. Vor allem ausufernde Bürokratie, sinkende Einkommen und die Gefahr Provisionen noch fünf Jahre nach Abschluss bei einem Wechsel des Kunden zurückzahlen zu müssen, sollen die Kollegen belasten. Fast noch schlimmer sei „ein Image unterhalb des eines Zuhälters“.

Viele Berufsgruppen klagen. Wer schon mal mit Bauhelfern, Bahnschaffnern oder Putzhilfen gesprochen hat, kennt blumige Beschreibungen des harten Joballtags. Derart drastische Schilderungen sind aber selten, ebenso das fast völlig fehlende Mitleid gegenüber den Kollegen. „Kein Pardon“, findet etwa eine ehemalige Versicherungsvermittlerin, die sich als Maklerin selbstständig gemacht hat.

Wer das Spiel mitmache, sei für die schlechte Beratungsqualität auch verantwortlich. „Ich bekomme regelmäßig die Ergebnisse von Falschberatung auf den Tisch. Die Kunden sind häufig verzweifelt“.

Kommentare zu " Vertreter packen aus (Teil 4): „Mit Schweine-Mentalität lebt es sich nicht schlecht“"

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  • Herr Kollege, recht haben Sie.Wenn Sie mir Ihre E-mail zukommen lassen erhalten Sie dazu noch einen
    Kommentar von mir an Focus-Money und Procontra
    Ihr Günther Maier
    guenther-maier@freenet.de

  • Bei Sätzen wie "Mit Schweinementalität lebt es sich nicht schlecht" oder "Image unterhalb des eines Zuhälters" bleibt mir die Spucke weg. Vor einigen Tagen schrieb ich hier: Das Niveau der Zeitschrift Handelsblatt erreicht
    inzwischen das der Bildzeitung. Ich muss mich korrigieren: Es hat das Bildzeitungsniveau mit dieser Serie noch unterboten. Noch ein Satz zu den "Verbraucherschützern":
    Höchste Zeit, dass von diesen Besserwissern die gleichen
    Mindestqualifikationen wie bei mir und meinen Kollegen verlangt wird, insbesondere auch ein Beratungsprotokoll und eine Vermögensschadenshaftpflichtvversicherung. Schlimm, dass diese Dilettanten auch noch aus Steuergeldern (somit auch von mir) subventioniert werden.
    MfG SN Versicherungsmakler

  • @Richter

    Allergrößten Respekt für Ihr ehrliches Statement.

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