„Weltfremd“, „Fatal“, „Stimmungsmache“
Versicherer attackieren Verbraucherschützer

Die Branche wehrt sich vehement gegen Kritik an Altersvorsorge-Produkten. Der Tenor ist hitzig, eigene Fehler sehen die Versicherer nicht. Droht ein Zerwürfnis zwischen der Branche und den Vertretern ihrer Kunden?
  • 23


Die Kritik war fundamental und die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Axel Kleinlein, Vorstandsvorsitzender des Bundes der Versicherten erklärte vergangene Woche in einem Interview im Handelsblatt, dass „die Branche in der Altersvorsorge versagt habe“. Das gelte sowohl für Lebensversicherungen wie auch für Riester und Rürup-Renten. Letztere seien nicht förderwürdig erklärte Kleinlein.

Die Branche reagiert auf diese Anwürfe erbost. „Wir sind erstaunt über die undifferenzierten und vielfach unzutreffenden Aussagen. Das Interview zeichnet ein Bild unserer Branche, dass an der Realität vorbeigeht“, kommentiert eine Sprecherin des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Auch einzelne Versicherer melden sich zu Wort. „Leider führt die anhaltende Kritik mit meist unzutreffenden Argumenten dazu, dass viele Vorsorgewillige verunsichert werden“, erklärt etwa Alf Neumann, Vorstand der Allianz-Leben. Die Konkurrenz stößt ins gleiche Horn. „Wir halten die pauschale Kritik von Herrn Kleinlein für überzogen und nicht zutreffend“, erklärt etwa ein Sprecher der Ergo-Versicherung. „Die Aussage, es gäbe in der Altersvorsorge nichts Positives und die Versicherer hätten hier versagt, ist absolut fatal“, erklärt eine Sprecherin der Zurich-Versicherung. „Wir können die Kritik nicht nachvollziehen“, vermeldet die Württembergische.

Kleinlein verglich die Effizienz der Altersvorsorgeprodukte von Versicherern mit einem Sparstrumpf. „Ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen“, findet der GDV. Versicherte erhielten vier Prozent Zinsen, eine Absicherung zentraler Lebensrisiken sowie eine monatliche Rentenzahlung „egal wie lange sie leben“.

Auch die R+V-Versicherung reibt sich am Vergleich mit dem Sparstrumpf. Kleinlein würde nur die anfangs zugesagten Mindestleistungen berücksichtigen „Damit wird implizit unterstellt, dass die Versicherungswirtschaft nie Überschüsse erwirtschaften würde“, erklärt ein Sprecher und spricht von „irreführenden Ergebnissen“. Ein Sprecher der Axa gibt an, dass sich der Versicherte einer Stellungnahme des Verbandes anschließen würde. Der GDV sprach von einer „Stimmungsmache gegen die Riesterrente“.

Die Versicherungskammer Bayern wirbt ebenfalls für Riester. „Wer die „Methode Sparstrumpf“ oder Tagesgeldkonto der Rentenversicherung vorzieht, läuft sehr große Gefahr, das angesparte Kapital vorzeitig zu verbrauchen und im hohen Alter ohne zusätzliches Einkommen dazustehen“, warnt der größte öffentliche Versicherer Deutschlands. „Hier werden alle gängigen Klischees vor allem gegen die Riester-Rente aufgeführt“, erklärt eine Sprecherin der Zurich.

Kommentare zu " „Weltfremd“, „Fatal“, „Stimmungsmache“: Versicherer attackieren Verbraucherschützer"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Kein Versicherer kann eine realistische, inflationsbereinigte Summe nennen, die der private Versicherte nach 30 bis 40 Jahren ausgezahlt bekommt. Somit bleibt die private Altersvorsorge ein großer Trugschluss zu Lasten der Versicherten. So etwas kann und darf man nicht abschließen. Die Politik hätte endlich alle Bürger, ohne Ausnahme, bis zur Freigrenze in die Versicherungspflicht nehmen müssen. Nur das wäre gerecht. Es würde die gesetzliche Rente massiv sichern, auch wenn daraus später Ansprüche entstehen. Das allerdings verhindern die Versicherer und Lobbyisten durch unerlaubte Einflussnahmen auf die Politiker (die hohen Nebeneinkommen und Spenden sprechen Bände!).

  • Wäre noch zu ergänzen: Leider lassen auch Verbraucherschützer selbstkritische Äußerungen vermissen...z.B. zu irreführenden Äußerungen der Vgangenhiet, die z.T. stillschweigend wieder einkassiert werden. (Siehe z. B. Empfehlungen zu bestimmten Tarifen der Riester-Rente (Union-Invest, DWS Premium) oder Beurteilungen bestimmter Anlageinstrumente wie Fondspolicen, die lange pauschal verteufelt wurden und nun doch seit einiger Zeit etwas differenzierter betrachtet werden. Auch zur Qualifikation vieler Berater der Verbrauchzentralen könnte man ein (selbst-)kritisches Wort verlieren. Verbraucher, die sich blind auf Empfehlungen oder Warnungen der Verbraucherschützer verlassen, können nach einigen Jahren böse überrascht sein. Hier haftet allerdings niemand für seine Aussagen.

  • Leider kann die vielzitierte schwäbische Hausfrau die Komplexität von Indexfonds oder zinsvariablen Sparplänen kaum überblicken, was für den Großteil der Bevölkerung zutreffend dürfte. Selbst mir, der sich zwar nicht beruflich, aber interessenhalber mit dem Thema beschäftigt, fehlt der Glaube, dass meine Bank mich hinsichtlich der lebenslangen Altervorsorge ausreichend beraten kann. So wie viele Kleinanleger Mitglieder genossenschaftlicher Banken sind. Deren Angebote und Beratung erstrecken sich i.d.R. nicht auf eine ausreichende lebenslange Altersversorgung / Rente. Auch hier wird über deren Partnerversicherungen auf die alt gediente Rentenversicherung zurückgegriffen, was für sehr viele Kleinstsparer Mittel der Wahl ist. Ein Einmalguthaben zum Eintritt ins Rentenalter, das dann tatsächlich bis zum Ableben reichen soll, werden die wenigstens für monatlich notwendige Auszahlungsraten managen können.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%