Der ökonomische Gastkommentar
Einfach nach Durchschnittskursen bilanzieren

Neue Bewertungsmethoden sollten für Investoren nachvollziehbar sein. Im ökonomischen Gastkommentar fordert Carsten Zielke, Mitglied des EFRAG-TEG sowie Managing Director der SG Frankfurt, eine Bewertung nach aktuellen Tageswerten. Wie eine Gruppe Ökonomen durch einen unkonventionellen Vorschlag einen Teufelskreis durchbrechen will.
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HB. Das "Handelsblatt" hat am 19.11.08 einen Artikel abgedruckt mit dem Titel: "Professoren machen Front gegen Fair Value". Hierin drücken bekannte Rechnungslegungsexperten ihr Unwohlsein darüber aus, dass die starken Schwankungen in den Wertansätzen der internationalen Bilanzierung IFRS durch das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz auch in der HGB-Bilanzierung Einzug halten können.

Diese Schwankungen sind in der Tat ein Problem. Im April hatte ich mit einigen Kollegen im europäischen Expertengremium EFRAG-TEG einen unkonventionellen Vorschlag gemacht: bei der Bewertung nach aktuellen Tageswerten (Fair Value) statt Stichtagskursen die Durchschnittskurse zu nehmen, wenn es sich um ausgetrocknete Märkte handelt. Der Effekt, den wir damit erreichen wollten, war, Schwankungen (Volatilität) aus der Rechnungslegung zu nehmen, die wiederum Volatilität an den Finanzmärkten verstärkt und zu einem Vertrauensverlust führen kann, der Kapitalerhöhungen notwendig macht. Wir wollten den Teufelskreis durchbrechen.

Unser Vorschlag wurde von vielen Marktteilnehmern als Unsinn abgetan. Die Rechnungslegung habe die Realität abzubilden. Wenn Banken ein schlechtes Geschäftsmodell hätten, so sei das jetzt auch zu zeigen. Es bringe auch nichts, anhand der Durchschnittstemperatur eines Kindes festzustellen, ob es krank sei oder nicht, höhnte ein hoher Regierungsvertreter. Ein Mitglied des IASB (des Gremiums für die IFRS) wunderte sich, dass ein solcher Vorschlag von einem Analysten komme.

Die Rechnungslegung nach IFRS soll dem Bilanzleser ein gutes Bild der wirtschaftlichen Lage geben und der Fähigkeit, künftig finanzielle Überschüsse (Cash-Flow) zu erzielen. Doch was hilft es mir als Bilanzleser, wenn zum Beispiel ein Versicherungsunternehmen eine Unternehmensanleihe noch fünf Jahre halten will, um seine Verpflichtungen zeitkongruent abzudecken, aber einen Marktwert bilanziert, der bei einem Verkauf zum Bilanzstichtag zu erzielen wäre? Die zukünftige Cash-Flow-Generierung messe ich damit nicht. Es werden lediglich die Schwankungen der ausgewiesenen Ergebnisse und der Aktienkurse verstärkt.

Was ist seit unserem Vorschlag passiert? Nahezu alle Banken mussten Kapital aufnehmen. Zum Schluss vom Staat, weil der Vertrauensverlust so stark war, dass man sich unter Banken kein Geld mehr leihen wollte. Die Finanzmärkte sind bis auf den Aktienmarkt quasi zum Stillstand gekommen.

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