Gastbeitrag
„Ein steuerpolitischer Irrweg“

Spätestens am Heiligabend wollen CDU, CSU und SPD einen Koalitionsvertrag unter den Weihnachtsbaum legen. Ob er für die Anleger wirklich eine Bescherung sein wird, ist fraglich.
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Zweifellos werden sich viele Punkte, die teilweise kontrovers unter den potenziellen Koalitionären diskutiert werden, auf die Ersparnisse weiter Schichten der Bevölkerung auswirken. Leider tritt bei dieser Debatte oftmals in den Hintergrund, dass der Kapitalmarkt künftig eigentlich viel stärker als heute für den Aufbau der privaten Altersvorsorge und die langfristige Vermögenssicherung genutzt werden muss. Wichtig für die privaten Anleger ist deshalb auch ein steuerpolitisch angemessenes Umfeld für Aktien und andere Wertpapiere.

Vor diesem Hintergrund ist es natürlich umso entscheidender, welche Richtung die Steuerpolitik in den Koalitionsverhandlungen nimmt. Bereits seit Jahren stellt unser Steuersystem die Aktienanlage schlechter als die Anlage in Zinstitel, was sich mit der Einführung der Abgeltungsteuer im Jahr 2009 nochmals drastisch verschärft hat.

Während Aktienerträge im Unternehmen und auf Anlegerebene besteuert werden, greift der Fiskus bei festverzinslichen Wertpapieren wie etwa der Staatsanleihe oder dem Tagesgeld nur beim Anleger zu. Damit bleiben den Aktiensparern von 100 Euro Ertrag nach Steuern gerade einmal etwas mehr als 50 Euro übrig. Bei der Anleihe sind es immerhin fast 75 Euro.

Als Trost bleibt dem Aktionär dann nur, dass Aktien trotz steuerlicher Diskriminierung über einen Renditevorteil gegenüber Staatsanleihen von mindestens zwei Prozentpunkten verfügen. Für 100 Euro Vermögenszuwachs im Jahr muss der Anleger daher derzeit bei Staatsanleihen rund 3.300 Euro, bei Aktien nur rund 2.200 Euro investieren. Dieser Abstand wäre aber deutlich höher, wenn Aktien und Anleihen endlich steuerlich gleichgestellt würden.

Die steuerliche Diskriminierung widerspricht im Übrigen dem von vielen Politikern öffentlichkeitswirksam formulierten Ziel, den privaten Vermögensaufbau auch mit Aktien zu fördern. Dieser Ungleichbehandlung von Aktien gegenüber festverzinslichen Wertpapieren Einhalt zu gebieten, ist zumindest dem Wahlprogramm von CDU/CSU zu entnehmen. Das wäre auch wichtig, denn die steuerliche Regelung hat einen unerwünschten Lenkungseffekt in aktuell unter der Inflationsrate verzinste Anlageformen. Das kommt einem realen Vermögensverzehr gleich.

Die SPD dagegen will die Diskriminierung der Aktienanlage gar nicht erst in Angriff nehmen, sondern tritt stattdessen für eine Erhöhung des Abgeltungsteuersatzes von 25 Prozent auf 32 Prozent ein. Obwohl die CDU/CSU Steuererhöhungen kategorisch ausgeschlossen hat, droht nun Ungemach, da vereinzelte Stimmen in der Union Bereitschaft signalisiert haben, als Entgegenkommen auf den Verzicht einer Einkommenssteuererhöhung eine Erhöhung des Abgeltungsteuersatzes mitzutragen.

Kommentare zu " Gastbeitrag: „Ein steuerpolitischer Irrweg“"

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  • Solange die Steuersätze für Vermögensanlagen über 100% liegen, macht eine Geldanlage in Deutschland wenig Sinn.

    Beispiel Aktie, Kursgewinn nach 4 Jahren 10%, Steuersatz 27%, Geldentwertung 2%p.a. entspricht 150% Steuersatz.

    Beispiel Staatsanleihe: Zins 2,5%, Geldentwertung 2%, Steuersatz auf den Bruttoertrag 27% ergibt eine reale Besteuerung von 135%
    Vandale

  • Frau Bortenlänger geht von der Annahme aus, dass unsere Politiker ein Interesse daran hätten, dass vom Volk Vermögensaufbau betrieben werden soll. Diese Annahme ist falsch. Insbes. Politikern von SPD und Grünen sind Bürger, die Vermögensaufbau betreiben, suspekt. Wer genügend Vermögen aufbaut, ist ja u. U. nicht mehr abhängig vom Staat. Nahezu alle Politiker stammen im Übrigen aus dem Beamtensektor und haben sich daher persönlich noch nie mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Folglich ist es nur konsequent, dass der Aufbau von Vermögen z. B. fürs Alter immer mehr erschwert wird. Ein weiterer Beleg hierfür ist z. B., dass Vermögensaufbau fürs Alter nur dann steuerlich gefördert wird, wenn der Staat weiterhin den Finger auf dem Geld hat und auf keinen Fall der Anleger selbst über sein Vermögen bestimmen kann.
    Es ist eine irrige Annahme, dass unser Parlament überhaupt noch die Interessen vertritt, welche durch Arbeit den Staat finanzieren. Vielmehr haben wir dort eine Beamten-Truppe, die in erster Linie daran interessiert ist, sich die eigenen Taschen voll zu stopfen. Folglich sollte eine weiter Säule der Altersvorsorge in Zukunft wohl ein gewisses Vermögen im Ausland sein.

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