Gastbeitrag zur Euro-Talfahrt
„Die EZB ist eine höchst wirksame Waffe“

Der inflationäre Boom im Euro-Raum droht zu einen deflationären Wirtschaftseinbruch zu werden. Das fürchtet der Frankfurter Ökonom Polleit. Daher werde die EZB in Stellung gebracht – was die Lage aber nicht besser macht.
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Der Euro-Boom ist geplatzt. In Gang gesetzt wurde er vor fast 16 Jahren durch das Einführen der Einheitswährung. Unter der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) kam es zu einer fulminanten Ausweitung der Euro-Kredit- und Geldmengen. Die EZB ließ zum Beispiel die umlaufende Geldmenge seit Anfang 1999 um 121 Prozent anwachsen, während die Güterproduktion nur um 19 Prozent zulegte. Die Bilanz des Euro-Bankenapparates konnte sich unter ihrer Politik auf mehr als 30.700 Milliarden Euro verdoppeln – und beläuft sich nunmehr auf 316 Prozent des Euro-Bruttoinlandsproduktes.

Die Politik des leichten Geldes hat eine Produktions- und Beschäftigungsstruktur im Euro-Raum entstehen lassen, die sich nur aufrechterhalten lässt, wenn den Volkswirtschaften immer mehr Liquidität zu immer tieferen Niedrigzinsen verabreicht wird. Doch genau das funktioniert jetzt nicht mehr. Der Euro-Bankenapparat versagt seine Dienste. Seine Kreditvergabe ist rückläufig. Nur die andauernden Umschichtungen von Bankeinlagen in Gelddepositen verhindern, dass die Geldmenge vor aller Augen schrumpft. Der inflationäre Boom im Euro-Raum droht, in einen deflationären Wirtschaftseinbruch („Bust“) umzuschlagen.

Einen voll ausgewachsenen Bust würde der Euro-Raum vermutlich nicht überstehen. Staaten, Banken, Unternehmen und private Haushalte würden zahlungsunfähig: Ihre Steuereinnahmen, Gewinne und Einkommen würden wegbrechen, die Schuldenlasten weiter anschwellen. Die ohnehin schon brisante Massenarbeitslosigkeit würde sich verschärfen – und soziale und politische Zentrifugalkräfte in Gang setzen. Doch zu solch einem Schreckensszenario darf und soll es nicht kommen, so die Befürworter des Einheitswährungsprojektes.

Daher wird die EZB in Stellung gebracht: Meinungsführende Ökonomen schüren öffentlichkeitswirksam die Sorge vor Deflation – um den Einstieg in eine Geldpolitik zu legitimieren, die das fortführen soll, was zur aktuellen Misere geführt hat: die Kredit- und Geldmengen immer weiter aufzublähen. Die EZB ist im „Kampf gegen Deflation“ eine höchst wirksame Waffe. Die Ankündigung von EZB-Präsident Mario Draghi am 26. Juli 2012, alles tun zu können, was erforderlich erscheint, um den Euro zu halten (im Original: „And believe me, it will be enough.“), ist keine leere Drohung.

Kommentare zu " Gastbeitrag zur Euro-Talfahrt: „Die EZB ist eine höchst wirksame Waffe“"

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  • Das man mit Geld-drucken keine Volksirtschaft betreiben kann, ist aber kein Geburtsfehler des Euros! Das gilt für jede Währung einschließlich des US-$ und des britischen Pfundes.

    Insofern ist mir nicht klar, wieso wir überhaupt eine Euro-Krise haben sollten. Wir haben eine Krise mit ein paar Staaten, ein paar Banken und ein paar Leuten, die von den Fehlanreizen profitieren. Beispiele dafür sind z.B. Bonibanker oder aber eben auch diejenigen, die deren spezielle Produkte herstellen, wie z.B. teure Sportwagen.

    Das Problem des Euros ist dann maximal die Führungsschwäche, dass wir nicht ein für alle mal klar machen, dass wer im Club bleiben will, eben anders wirtschaften muss. Die anderen könne ja raus gehen. Es werden genug Volkswirtschaften übrig bleiben um eine gute europäische und erfolgreiche Währung abzugeben. Der Rest wird sich aber auch dann daran orientieren müssen. Frankreich musste sich damals auch an der Bundesbank orientieren.

    Aber noch etwas Beunruhigendes: Wenn ich die Geldmenge um 121% aufblase, dann entsteht deswegen auch zusätzliche Produktion (z.B. die Sportwagen), wenn das aber zusammen mit der normalen Produktionssteigerung gerade mal 19 % ausmacht...??? Dann bedeutet das für das "normale" Wachstum so gut wie nichts überig bleibt... Zum "normalen" Wachstum müssten dann auch die Effekte des größeren Marktes und der größeren Währung gehören... aber das gibt es offensichtlich alles gar nicht...

  • Wichtig ist, in den Chroniken zum Euro nicht zu vergessen, wer für dieses widerwärtige "politische Projekt" *KOTZ* verantwortlich war und immer noch ist. Wer immer noch - wider besseren Wissens - für dieses "politische Projekt" trommelt, dass selbst Goebbels schwerhörig würde. Die Verantwortlichen müssen zur Verantwortung gezogen werden. Das Ergebnis des Euros wird genau so verheerend sein, wie ein Krieg in Europa - was die "Völkerfreundschaft" anbelangt und die Kollateralschäden von individuellen Leben... Der Euro ist ein Verbrechen!

  • „Die EZB ist eine höchst wirksame Waffe“ die den Euro zerstört abwertet und die Länder kaputt macht.

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