Gastkommentar
Der Benzinmarkt funktioniert sehr wohl

In der Debatte um die explodierenden Benzinpreise werden besonders die mächtigen Mineralölkonzerne angegriffen. Und die Politik stimmt in das Klagelied ein. Doch die eigentlichen Gründe liegen woanders.
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Benzin ist so teuer wie noch nie in Deutschland. Reflexartig kündigen Verbraucherschützer und Automobil-Clubs den Ölmultis den Kampf an. Landauf, landab vermuten wütende Autofahrer, hilflose Opfer einer Abzocke zu sein. Ihre Klagen treffen bei Politiker(innen) auf offene Ohren. Denn bei kaum einem anderen Thema weiß sich die Politik mit der Volksseele derart im Einklang wie beim Widerstand gegen steigende Benzinpreise. Kein Wunder, dass nach staatlichen Reaktionen gerufen wird. Die Forderungen reichen vom Verbot, den Benzinpreis mehr als einmal täglich zu erhöhen, bis zu einer mehr oder weniger strengen staatlichen Preisüberwachung.

Viele sehen auf anderer Ebene Handlungsbedarf. Dazu gehört die selbst aus liberaler Ecke vorgetragene Forderung, die Pendlerpauschale zu erhöhen. Als wäre es eine öffentliche Aufgabe, für private Entscheidungen bezüglich des Wohn- und Arbeitsortes aufzukommen. Dann könnten genauso gut Subventionen an die Städter ausgeschüttet werden, um sie dafür zu entschädigen, dass sie morgens durch Autolärm geweckt werden.

So verständlich die Wut der Autofahrer auf steigende Benzinpreise ist, so falsch ist, dass die Politik in das Klagelied einstimmt, oft wider besseres Wissen. Irritierend ist es, wenn sogar das Bundeskartellamt die aktuellen Benzinpreiserhöhungen kritisch kommentiert. Denn so wird in der Öffentlichkeit das Bild vermittelt, dass der Benzinmarkt nicht funktioniere. Das widerspricht den empirischen Erkenntnissen. Der Benzinmarkt funktioniert sehr wohl, wenn auch nicht rundum im Sinne des Kunden.

Das Bundeskartellamt selber hatte die letzten Jahre den Preisbildungsprozess beim Benzin akribisch untersucht. Dabei stellte es zwar fest, dass der deutsche Benzinmarkt von einem Oligopol aus fünf Mineralölkonzernen beherrscht werde (Aral/BP, Shell, Jet, Esso und Total). Aber trotz einer mehrjährigen strengen Auswertung der Spritpreise konnte das Kartellamt keine geheimen und damit illegalen Preisabsprachen feststellen.

Im Gegenteil: Alle fünf Mineralölkonzerne betreiben ein ausgeklügeltes, weitverzweigtes Kontroll- und Meldesystem, um kein lukratives Geschäft zu verpassen. Sie beobachten sich gegenseitig minutiös rund um die Uhr, neuerdings auch an Wochenenden. So werden Preisänderungen eines Wettbewerbers sofort erkannt. Setzt der eine Konzern (meistens Aral) den Benzinpreis nach oben, zieht der nächste Konzern (in der Regel Shell) innerhalb von rund drei Stunden nach, und die übrigen folgen nach etwa fünf Stunden.

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Der Benzinmarkt funktioniert sehr wohl

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Das Oligopol spielt kaum eine Rolle

Kommentare zu " Gastkommentar: Der Benzinmarkt funktioniert sehr wohl"

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  • ICh stimme zu, der Benzinmarkt funktioniert! Jedenfalls für die, die am Verkauf mitverdienen. Stetig wird innerhalb eines Jahres der Preis angehoben, sodass man einen schrecken bekommt. Dann wird der Preis etwas gesenkt, aber nunmal nicht so stark wie der Anstieg, dadurch entsteht aber der Effekt in den Menschen "naja wenigstens ist der Preis etwas niedriger, schnell tanken gehen" Das wird jeztzt schon unzählige Jahre so fortgeführt, wie man hier schön sieht http://www.infografiken.com/portfolio/infografik-bezinpreisentwicklung/. Aber was soll man machen, 20km zu Fuß zur Arbeit?

  • Leider werden in der Diskussion Gewinne, welche aus der Erdölförderung generiert werden, mit solchen, welche aus der Raffinerieverarbeitung und dem Vertrieb (inklusive an Tankstellen) nicht im erforderlichen Maße getrennt. In der Tat verdienen die Multies (und noch viel mehr die viel größeren, weitgehend unbekannten staatlichen Gesellschaften in den Förderländern)fast unanständig viel Geld. Die Verarbeitung und der Verkauf dagegen sind nicht immer profitabel(und nachhaltig schlechte Margen führen zu Raffinerieschliessungen, administrativen Jobauslagerungen ins Ausland etc) und tragen bei weitem nicht im gefühlten Mass zum Tankstellenverkaufspreis bei. Der eigentliche Preistreiber in Deutschland ist über Jahre hinweg der Fiskus gewesen, deshalb kann sich die Politik so glücklich schätzen, dass der uninformierte Verbraucher seinen Frust über die lokalen Mineralölanbieter ablässt anstatt die Höhe der Mineralölsteuer anzuprangern. Im übrigen, wenn Hotels zu Messezeiten ihre Preise verdoppeln oder verdreifachen,kräht kein Hahn. Auch wenn es mir selbst auch nicht schmeckt, ein paar Cent mehr zu z.B. Ostern ist verkraftbar, dann trinke ich eben ein Bier weniger im Urlaub, wenn es denn wirklich schmerzen sollte.

  • dann rechne mal vor, wo die Milliardengewinne herkommen, wenns angeblich so hart zugeht.
    Und wenn hier jeder sein Auto verkaufen soll bzw. die Fahrtkosten den Staat nix angehen, dann müßt Ihr die ganhze Gesellschaft grundlegend ändern, wo jeder Arbeitnehmer "flexibel" sein muß und von A nach X geschickt wird zum Arbeiten. Das sucht sich selten einer freiwillig aus. Genauso der "Warentourismus". Aber wählt nur weiter Eure "Marktwirtschafsprofis".

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