Gastkommentar
Der blockierte Kontinent

Außenpolitik-Professor Walter Russel Mead sieht bei der Euro-Rettung einen fast unlösbaren Konflikt zwischen Frankreich und Deutschland. Beide setzten darauf, dass der andere unter dem Druck der Krise einknickt.
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Jeder schaut im Moment auf die Euro-Zone, und jeder ist verwirrt. In China, Indien und den USA betrachten Politiker, Investoren und Manager Europa mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen. Wir wissen, dass auch unser Schicksal von dem abhängt, was in Europa geschieht. Doch die Europäer scheinen nicht mehr in der Lage zu sein, auf die Krise ernsthaft und effektiv zu reagieren.

Viele machen Deutschland dafür verantwortlich. Wenn nur Deutschland endlich zulassen würde, so heißt es, dass die Europäische Zentralbank (EZB) als "lender of last resort" die Euro-Staaten und ihre Finanzinstitute mit ausreichender Liquidität versorgte, wäre das Problem zwar noch nicht gelöst. Aber die unmittelbare Gefahr für die Weltwirtschaft wäre gebannt, und Europa würde früher oder später die Krise überwinden. Ich wünschte, es wäre so einfach. Europa steckt nicht deshalb fest, weil die Politiker ineffektiv sind oder die Deutschen eine Phobie vor der Inflation haben. Verfahren ist die Lage deshalb, weil niemand bislang einen Kompromiss gefunden hat, der aus der Sackgasse herausführt. Ich bin nicht sicher, dass es einen solchen Kompromiss überhaupt gibt.

Für Außenstehende scheint der deutsch-französische Motor der europäischen Integration rundzulaufen. Wer jedoch genauer hinschaut, weiß, dass es sich bei dem Verhältnis zwischen den beiden größten Mächten Europas mehr um eine platonische Beziehung handelt als um eine Herzensangelegenheit. Wie in jeder Familie ist die Ehe nicht nur ein Bund, sondern oft auch ein Wettbewerb, bei dem jeder Partner versucht, den Weg für beide zu bestimmen.

Die Euro-Krise ist auch deshalb so schwer lösbar, weil die Interessen Deutschlands und Frankreichs in einen möglicherweise unüberbrückbaren Konflikt geraten sind. Deutschland wollte seine Stabilitätskultur der D-Mark in den Euro einbringen. Die Franzosen haben die Währungsunion immer als eine wirtschaftspolitische Veranstaltung begriffen, in der Wechselkurse nur eines von mehreren Werkzeugen sind, um Wachstum und sozialen Zusammenhalt zu befördern. In der Praxis führt das dazu, dass Frankreich mehr Inflation und eine weniger restriktive Geldpolitik goutiert als Deutschland. Diese Differenzen haben die Euro-Krise zwar nicht ausgelöst. Sie sind jedoch in den Vordergrund getreten, nachdem die Krise ausgebrochen war.

Kommentare zu " Gastkommentar: Der blockierte Kontinent"

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  • Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Im Übertragenen geht es um das weibliche (förderale) und das männliche (zentrale) Prinzip.
    Die Krise wird gelöst sein, wenn beide Seiten erkennen, dass es kein "entweder oder" geben kann, sondern beide Anteile absolut notwendig sind.
    Dies ist zu erkennen und zu respektieren, danach lösen sich die noch so komplexen Fragestellungen schnellsten auf.

    www.sabine-nowaczyk.de

  • Würde erst einmal akzeptiert werden, das sämtliche Schuldengebirge über die Notenbanken schadlos entsorgt werden können, dieses allerdings nicht allzu leichtfertig erfolgen kann und darf, fände man auch die Strukturen aus der Krise und folglich zu einer gänzlichen Neuordnung der Ökonomie insgesamt. Das Problem, es fehlt an den Köpfen ...

  • Würde erst einmal akzeptiert werden, das sämtliche Schuldengebirge über die Notenbanken schadlos entsorgt werden können, dieses allerdings nicht allzu leichtfertig erfolgen kann und darf, fände man auch die Strukturen aus der Krise und folglich zu einer gänzlichen Neuordnung der Ökonomie insgesamt. Das Problem, es fehlt an den Köpfen ...

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