Gastkommentar
Der Schattensektor muss durchleuchtet werden

Otmar Issing, der Leiter der Expertenkommission „Neue Finanzarchitektur“ plädiert dafür, Aufsicht und Regulierung von Banken auf das gesamte Finanzsystem auszudehnen.
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Jede Regulierung schafft eine Trennungslinie zwischen reguliertem und nicht-reguliertem Bereich. Dies ist auch im Finanzsystem der Fall. Der Ausdruck „Schattenbanken“ ist insofern irreführend, als er eine Art „Untergrundaktivität“ suggeriert. Dem ist nicht so. Dem Schattenbankensystem sind vielmehr alle Akteure beziehungsweise Aktivitäten zuzurechnen, die bankähnliche Funktionen erfüllen, aber nicht der Bankenregulierung unterliegen. Ein wichtiger Akteur sind die vor allem in den USA angesiedelten Geldmarktfonds.

Der Schattenbankensektor erreicht ein beachtliches Volumen, das in einigen Ländern dem des regulierten Bereichs in etwa gleichkommt. Da es sich nicht um illegale, sondern zu einem großen Teil um gesamtwirtschaftlich nützliche Aktivitäten handelt, kann es nicht darum gehen, solche Geschäfte einfach zu verbieten. Auf der anderen Seite gibt es gewichtige Gründe, diesen Sektor in Regulierung und Aufsicht einzubeziehen.

Zum einen besteht der Anreiz, wegen der Auflagen - zum Beispiel für die Eigenkapitalhinterlegung - Geschäfte aus dem regulierten Bereich in das Schattenbankensystem auszulagern. Diese Umgehung der Regulierung wäre folglich mit einem höheren Risiko verbunden.

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Zum anderen können wegen der geschäftlichen Verbindungen im Falle von Schwierigkeiten bei Akteuren des nicht-regulierten Bereichs Ansteckungseffekte entstehen, die einzelnen Banken gravierende Probleme bereiten und am Ende das ganze System gefährden. Bei sehr großen Akteuren im Schattenbankensystem könnte sich auch die Frage stellen, ob der Staat im Falle des Konkurses wegen des systemischen Risikos nicht sogar direkt zur Rettung gezwungen wäre.

Aufsicht und Regulierung müssen daher auch das Schattenbankensystem erfassen. Dafür gibt es prinzipiell zwei Ansätze. Der direkte dehnt die Regulierung und Aufsicht auf das ganze Finanzsystem aus. Die Demarkationslinie zwischen reguliertem und nicht-reguliertem Sektor verschwindet. Zu erwarten, dass es dann keine Aktivitäten und Akteure „im Schatten“ mehr gäbe, wäre allerdings naiv. Zu groß wäre der Anreiz, die Restriktionen zu umgehen.

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Das Prinzip der Haftung muss durchgesetzt werden

Kommentare zu " Gastkommentar: Der Schattensektor muss durchleuchtet werden"

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  • Es bedarf sicherlich nicht meines Lobes für diesen Beitrag an Herrn Issing. Dennoch sollte Weitsicht und Ausgewogenheit in der Sprache hervorgehoben werden. Man findet dies nur noch selten. Im schnellen politischen Geschäft heute gar nicht mehr.

    Die Schaffung der vorgeschlagenen Institution ist sicherlich ein erster Schritt, die Anbindung an die EZB, die Entkoppelung der operativen Bankenaufsicht von der BAFin weitere Schritte. Dennoch muss klar sein, dass nicht die Institution sondern die handelnden Personen den Unterschied ausmachen.

    Ein Beispiel:
    Das Derivategeschäft ist ein voluminöses und nicht ungefährliches Geschäft. Die Bundesbank hatte anfänglich in der Bankenaufsicht statistische Erhebungen zur Kontrolle etabliert, die im Fortgang und "Umsiedelung" der Bankenaufsicht zur BAFin eingestellt wurden. Die BAFin war fortan in diesem risikoreichen Geschäft im Blindflug unterwegs. Die seinerzeitige Anmerkung von Herrn Sanio "wie 29" war für operative Bankenaufsicht zu wenig. Was damit ausgedrückt werden soll, ist, dass derartige Institutionen vom Weitblick, von der Sachkenntnis derer, die sie führen nicht aber von der Institution selbst ihren Erfolg ableiten.

    Werfen Sie einen Blick in die Führungsstrukturen der EZB. Gleiches!

    Schauen Sie in den "Rettungsschirm". Gleiches!

    Schauen Sie in den ESM-Vertrag. Keine Chance für eine saubere Struktur.

    Lieber Herr Issing, vergessen Sie Ihr Geburtsdatum, hören Sie auf Ihren Geist, werden Sie (wieder) Sprachrohr des Bürgers. Es darf ruhig etwas lauter und kantiger sein als früher. Auch wenn Sie tatsächlich nicht lauter, nicht kantiger werden, "Ihr Leben" nicht umkehren, nicht verraten können, so dürfen Sie wie der Narr in der Bütt den Zuständigen den Spiegel vorhalten. Sie haben keinen Grund sich unterwürfig zu (ver-)beugen.

    Männer wie Sie sind - wie Sie selbst wissen - Mangelware, politisch zuweilen nicht "gewollt", aber vom Bürger gesucht.

  • Dann darf man mal gespannt sein was daraus wird

  • wieso nur durchleuchtet? in einer aufgeklärten Zeit, dürfte es sowas wie Schattenwirtschaft garnicht geben!

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