Gastkommentar
Griechen müssen wieder an Europa glauben

Noch ist Griechenland nicht verloren, sagt Ex-Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement. Der ehemalige SPD-Politiker sieht Parallelen zum „Aufbau Ost“ und rät, das Land konkret zu unterstützen statt es zu bevormunden.
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Der Druck, der in einer im neuzeitlichen Europa noch nie da gewesenen Weise auf die griechische Politik ausgeübt wurde, hat seine Wirkung getan. Athen beugt sich dem Brüsseler Diktat. Dem Land dürfte jetzt - bis auf weiteres - der Gang zum Konkursrichter erspart bleiben.

Wer der veröffentlichten Mehrheitsmeinung folgt, der kann nur zu dem Eindruck kommen, Griechenland sei in Wahrheit rettungslos verloren. Und tatsächlich hat auch die politische Welt das Land schon fast aufgegeben. Man realisiert, dass der Fall Griechenland von Anfang an unterschätzt worden ist. Dass die Probleme dort grundlegend andere sind als etwa in Italien, wo es funktionierende staatliche Strukturen und zudem eine Vielzahl von sehr wettbewerbsfähigen Unternehmen gibt. In Griechenland hingegen geht es zuallererst um den Wiederaufbau eines handlungsfähigen Staatswesens. Aber es geht zugleich um sehr viel mehr. Es geht darum, den Menschen den Glauben an eine Zukunft in und mit Europa zurückzugeben.

Wem es gelingt, sich nicht von den boulevardesken Schlagzeilen hier wie dort vereinnahmen zu lassen, dem können im Blick auf diese Lage in Griechenland durchaus Parallelen zum deutschen „Aufbau Ost“ einfallen. Er hat den Menschen in jenem Teil unseres Landes gewaltige Opfer abverlangt, er hat schon gut zwei Jahrzehnte in Anspruch genommen, und er hat die Deutschen in Ost wie West zusammen rund 2 000 Milliarden Euro gekostet. Aber die Fortschritte sind unübersehbar, und wir konnten bei allen Kosten und Mühen lernen: Der Wandel ist machbar!

Ebendies gilt auch für ein Land wie Griechenland, wenn es sich nicht in Sparmaßnahmen buchstäblich erschöpfen, sondern seine Runderneuerung mit Aussicht auf Erfolg in Angriff nehmen soll. Doch das geht nur mit solidarischer Unterstützung Europas, und zwar mit ganz konkreter Unterstützung, die nach allen Erfahrungen mit der Umstrukturierung von Wirtschaftsregionen in unseren Breitengraden auf vier Hauptmotoren angewiesen ist: eine funktionierende Verwaltung, ein zukunftsfähiges Bildungs- und Qualifikationssystem, eine leistungsfähige Infrastruktur sowie erfolgversprechende wirtschaftliche, vor allem industrielle Strukturen.

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Wirtschaftliche Potentiale gibt es sehr wohl

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  • @Börsenfritz

    Nein, das war von dieser von Ihnen angesprochenen Spezi nicht zu erwarten. Es war allen bekannt, was das für Typen waren und sind.

    Der richtige Vorwurf geht eigentlich an unsere Abgeordneten, die diese Typen weiterhin an der Macht haben wollen. Man stelle sich doch nur einmal vor, dass diese Typen es geradezu als Aufforderung verstanden haben, die jüngsten Rettungsgeldzahlungen dazu zu benutzen noch einmal kräftig Geld ins Ausland zu schaffen. Heute kann man nicht einmal mehr davon überzeugt sein, dass es nur das eigene Geld war.

    Nein, nicht nur die Griechen auch unsere eigenen Abgeordneten haben eine Treuepflicht. Sie haben den Eid geleistet, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Genau dies haben sie mit ihrer handlungsweise nicht getan.

    Deshalb sollte dieser besagte Eid abgeschafft oder aber aus diesem gegebenen Anlass auf seine Belastungsfähigkeit geprüft werden.

  • Der Beitrag wirkt etwas irritierend und dürfte für Betroffene etwas irritierend wirken.

    Wenn es jemals Sparkommissare gegeben hat, dann waren dies Wessis, die den Ossis wie Statthalter vor die Nase gesetzt wurden. Darauf ist Clement stolz?

    Wenn Clement sich berufen fühlt, solle er doch nach Griechenland gehen. Als Wirtschaftsminister in Deutschland hat er jedenfalls keine Furche hinterlassen. Auf anderen Positionen übrigens auch nicht.

    Vielleicht hat sich dies während seiner Beratertätigkeit in Moskau auch geändert. Gehört hat man jedenfalls von dort auch nichts.

    Wenn Clement als Lichtblick in Grechenland auflaufen sollte, dann wissen wir was den bisherigen Vertretern wirklich los ist. Wenn es heißt, dass jeder Betrieb "einen" verkraftet, dann muss man sich im konkreten Fall aber fragen, ob Griechenland sich " so einen" noch leisten kann.

  • Herr Clement hat bei seinem Vergleich mit Ostdeutschland meines Erachtens eines vergessen, es gibt auch eine Menge reicher Griechen, die gerade jetzt wo ein vergleichsweise geringer Betrag von 300 Millionen Euro zur Rettung Griechenlads fehlt, ihre Solidarität und Ihren Nationalstolz zeigen könnten indem sie sich bereit erklären diese 300 Millionen freiwillig zusammenzulegen. (z. B. jeder der 300 reichsten Griechen gibt eine Million zur Rettung der Nation). Wäre das nicht ein Gebot der Fairness gegenüber dem Rest der gebeutelten Nation? Wer hat denn am meisten von den vielen Milliarden die zuvor nach Griechenland geflossen sind profitiert? Wer hat davon am meisten abgeschöpft und wo sind sie hin? Mir kann keiner erzählen, dass die Griechen durch den Verkauf von Rohstoffen oder durch konkurrenzfähige Unternehmungen ihren Reichtum erzielt haben. Es wäre meines Erachtens eine Frage der Ehre dass sich jetzt auch einmal die Reichen unter den Griechen engagieren.

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