Alan Greenspan
Der vielseitige Volkswirt

Bei der Charme-Offensive des ehemaligen Fed-Chefs Alan Greenspan steht viel auf dem Spiel. Und nicht nur für seinen eigenen Ruf. Viele seiner Überzeugungen untermauern immer noch die Aufsichtspolitik der US-Notenbank. Die vorgeschlagene Intensivierung ihrer Aufsichtsbefugnisse könnte ihrer von Greenspan eingefärbten Weltsicht sogar zu noch mehr Gewicht verhelfen.

Alan Greenspan schlägt um sich. Der ehemalige Chairman der US-Notenbank Fed versucht, sich gegen Vorwürfe zu wehren, er sei für die spekulative Blase am US-Immobilienmarkt und die Krise um Hypothekendarlehen zweitklassiger Bonität („Subprime“) verantwortlich. Die Debatte hat sich bisher auf seinen geldpolitischen Kurs konzentriert. Aber der Konflikt um seine Überzeugung, dass die Finanzmarktregulierung zum größten Teil ineffektiv ist, könnte der wichtigere Punkt sein. Jede Intensivierung der Aufsichtsbefugnisse der Fed wird ihrer Ansicht über das angemessene Ausmaß an Interventionen noch mehr Bedeutung verleihen.

Da Greenspan der Regulierung eine nur sehr eingeschränkte Wirksamkeit zubilligte, waren der Tatkraft der Fed während seiner achtzehnjährigen Amtszeit Grenzen gesetzt. Im Glauben, dass die Zentralbank Krisen weder vorhersehen noch verhindern kann – dass sie nur dazu beitragen kann, hinterher das Chaos zu beseitigen -, überließ Greenspan die Banken weitgehend der Selbstregulierung.

Als Beispiel kann seine Gegnerschaft zur Aufsicht nicht notierter Derivate dienen. Er argumentierte, dass Marktverzerrungen die Gegenpartei durcheinander bringen könnten. Aber da es ja bei jeder Transaktion Gewinner und Verlierer gibt, war er der Meinung, diese Instrumente trügen nicht zu einer Erhöhung der systemischen Risiken bei. Dies ist gewöhnlich auch so. Aber es gibt Situationen, in denen neuartige Instrumente relativ niedrige Risiken in eine mächtige Bedrohung des Finanzsystems verwandeln – wie im Fall von Derivaten, die an Subprime-Hypothekendarlehen gekoppelt sind.

Auch die Behauptung Greenspans, Krisen seien zu komplex, um sie vorherzusehen, wäre kritisch zu diskutieren. Nicht alle Krisen erfordern schwerfällige Berechnungsmodelle - Subprime ist da ein einschlägiger Fall. Die Achillesferse dieser Papiere bestand hauptsächlich in einem Punkt, nämlich in dem Risiko, dass die Immobilienpreise plötzlich nicht mehr steigen. Dies hätte vorweggenommen werden können und darauf hätte man sich auch ohne die Hilfe eines Supercomputers einstellen können.

Die Ansicht Greenspans, die Aufsicht sei am besten ganz den Marktkräften zu überlassen, hat sich überdies als übertrieben optimistisch erwiesen. Von der Aufsicht ermöglichte Gelegenheiten zur Arbitrage und assymetrische Anreize für die Banker können Banken dazu verleiten, Risiken einzugehen, die eigentlich irrational sind. Die Ersteren standen zum Beispiel hinter der Entwicklung von SIVs, CLOs und CDOs und anderen strukturierten Produkten, die die Kreditkrise angeheizt haben.

Die Kreditkrise hat die Fed bereits gezwungen, große Bereiche der Weltsicht à la Greenspan aufzugeben. Die Notenbank hat auf nie zuvor gesehene Weise eingegriffen, sie hat Wertpapierhäusern Mittel zur Verfügung gestellt und die Akquisition von Bear Stearns erleichtert. Aber die Debatte, die die Versuche Greenspans, sich gegen seine Kritiker zur Wehr zu setzen, ausgelöst haben, ist trotzdem nützlich. Sie wird ausschlaggebend dabei sein, wenn sich die Fed der Herausforderung gewachsen zeigen will, die die Ausweitung ihrer Aufsichtsbefugnisse mit sich bringt.

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