Anleihemarkt
Rätsel mit pessimistischem Unterton

Es irritiert, dass die Renditen von Staatsanleihen zurückgehen, während sich die wirtschaftlichen Nachrichten allgemein verbessern. Die Bond-Investoren könnten von Sorgen über eine hartnäckige Deflation, der überschüssigen Liquidität oder der Angst vor einem Rückfall in die Rezession bewegt werden. Alle diese Erklärungen haben eines gemeinsam: Sie künden von kommendem Ungemach.
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Das Schlimmste ist überstanden. Zumindest bis vor etwa einer Woche schien dies die Ansicht der meisten Investoren wiederzugeben. Die Kurse und die Hoffnungen stiegen mit fast jeder Veröffentlichung von Konjunkturdaten oder Unternehmensergebnissen. Doch an einem wichtigen Markt blieb die Stimmung gedrückter.

Die Renditen von Staatsanleihen sind in einem Zeitraum von etwa einem Monat beträchtlich gefallen: von 3,9 Prozent auf 3,4 Prozent bei zehnjährigen Papieren in den USA, von 3,7 Prozent auf 3,2 Prozent in der Eurozone und von vier Prozent auf 3,6 Prozent in Großbritannien. Diese Art von Rückgang lässt sich nur schlecht mit einem zunehmenden wirtschaftlichen Optimismus in Einklang bringen.

Was sind die Gründe dafür? Unterschiedliche Erklärungsversuche machen die Runde.

Ein möglicher Grund wäre, dass die Anleger mit einer Deflation oder etwas Vergleichbarem rechnen. Die japanischen Verbraucherpreise liegen jetzt auf dem gleichen Niveau wie im Jahr 1993. Selbst wenn sich das künftige Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im Westen als stärker erweist als es in Japan gewesen ist - die Jahresrate lag von 1993 bis zum Beginn der jüngsten Rezession bei 0,6 Prozent - könnte finanzieller Druck einen Anstieg der Einzelhandelspreise verhindern. In diesem Umfeld klingen risikolose drei bis vier Prozent gar nicht so schlecht.

Eine andere Erklärung konzentriert sich stärker auf mechanische Aspekte. Da die Zentralbanken mit ihren Programmen das Geld fast herschenken - und dabei auch Staatsanleihen aufkaufen -, könnte mehr Kaufkraft auf den Märkten vorhanden sein, als vom Rekordangebot neuer Staatstitel absorbiert werden kann.

Darüber hinaus kursiert die "Theorie der düsteren Zukunft". Die Bond-Käufer könnten zu der Überzeugung gelangt sein, die anderen Märkte hätten die konjunkturellen Signale falsch interpretiert. Was wie eine Erholung aussieht, könnte tatsächlich eine Bestandskorrektur sein, auf die eine weitere Rezession folgt. Anleihen sind ein sicherer Hafen.

Was auch immer die Bond-Investoren dazu bewegt, die Renditen nach unten zu drücken - eines ist auf jeden Fall klar: Wenn der Markt für Staatsanleihen auf der richtigen Spur ist, dann sind die globalen finanziellen Schwierigkeiten wahrscheinlich noch nicht vorbei.

Stagnierende Verbraucherpreise oder eine neue Rezession würden dazu führen, dass noch mehr Kredite kippen, was sich belastend auf die Bilanzen der Banken und der Regierungen auswirken würde. Umgekehrt könnten, wenn sich überschüssiges Geld auftürmt, diese Mittel ohne Weiteres andere Preise nach oben drücken - und damit eine weitere spekulative Blase bei den Preisen von Vermögenswerten schaffen oder eine Runde unangenehm hoher Teuerung einläuten.

Der Anleihemarkt mag schwer zu interpretieren sein, doch eine optimistische Geschichte scheint er nicht zu erzählen.

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