Ausverkauf
Wer schnappt sich Lehman?

Die munter brodelnde Gerüchteküche um die Zukunft von Lehman Brothers brachte Spekulationen hervor, ein Konkurrent wolle die angeschlagene Investmentbank kaufen. Eine Übernahme könnte einen möglichen Flächenbrand abwenden. Aber ob es sich bei Lehman schon um ein Schnäppchen handelt, ist sehr fraglich.

Wird eine andere Bank Lehman kaufen? Angeblich sieht sich die Bank of America die Bücher der angeschlagenen Wall Street-Firma an. Und zuvor hatte das Gerücht die Runde gemacht, Goldman Sachs denke über eine Offerte nach - eine Spekulation, die die Investmentbank gleich im Keim erstickte. Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass Lehman an einem Verkauf interessiert wäre. Aber die eigentliche Frage lautet, wer Lehman denn kaufen sollte und warum.

Der Aktienkurs von Lehman ist in den freien Fall übergegangen - die Marktkapitalisierung des Instituts liegt mit knapp über drei Mrd. Dollar bei nur noch einem Viertel des Betrags von vor einer Woche. Ob es sich hierbei um einen Ausverkaufskurs handelt, ist fraglich. Die Bank verfügt über einige schmackhafte Häppchen wie den Bereich Asset Management, der dreimal so viel wert sein könnte. Aber selbst nach mehreren Abschreibungen könnten die Vermögenswerte von Lehman im Bereich Gewerbeimmobilien über 33 Mrd. Dollar und ihre Hypothekendarlehen für Wohneigentum über 17 Mrd. Dollar jeder Bank, die sie verschlingen würde, ernste Verdauungsprobleme bescheren.

Darüber hinaus hat sich das Aufsammeln von problematischen Vermögenswerten aus dem Finanzsektor weitgehend als Einbahnstraße in den Schlamassel erwiesen, seitdem die Kreditkrise ihren Lauf genommen hat. Und da wären noch die Opportunitätskosten zu bedenken - eine ganze Reihe anderer Finanzfirmen könnte bald zur freien Auswahl stehen.

Warum also das Risiko eingehen? Zunächst einmal stünde ein solider Käufer nicht unter dem Druck, für die Vermögenswerte Niedriggebote akzeptieren zu müssen. Eine Geschäftsbank könnte für diese Aufgabe besser gerüstet sein als eine Investmentbank. Aber Goldman, zum Beispiel, könnte die schwierigen Immobilien-Vermögenswerte in seinen Private Equity-Fonds und den Fonds für Not leidende Kredite unterbringen und müsste sich daher keine Sorgen um die Risiken der Bewertung zu Marktpreisen machen. Angenommen der Preis dafür hat gestimmt, dann hätte die Firma anschließend Zeit zu entscheiden, ob sie die Bereiche Investment Banking oder Asset Management von Lehman behalten oder verkaufen soll.

Zum zweiten könnte der Käufer von Lehman auch bei der Regierung Punkte sammeln. Sie wird zwar vielleicht nicht direkt Kreditgarantien wie für Bear Stearns anbieten. Aber es gibt viele andere Wege, einen Käufer zu belohnen, der den überbeanspruchten Aufsichtsbehörden eine Last abnimmt. Zum dritten wird die zukünftige Konkurrenzsituation entschärft. Und zuletzt und vielleicht am wichtigsten: Eine Übernahme könnte einen möglichen Flächenbrand verhindern. Niemand hat ein Interesse daran zu sehen, wie eine taumelnde Lehman Brothers Panik verbreitet, Vermögenswerte verschleudert und das Risiko heraufbeschwört, dass die Gegenpartei auf übermäßig komplexen Derivatpositionen sitzen bleibt.

Zumindest könnte ein Kauf von Lehman wie die Anschaffung einer billigen Form der Versicherung fungieren - unabhängig vom Preis. Aber jede Bank, die die Firma im Visier hat, müsste bereits vom ersten Tag an über einen vollständig ausgearbeiteten Plan und über eine mögliche Zusatzfinanzierung verfügen. Sonst wäre die Gefahr zu groß, dass die Flammen um Lehman den potenziellen Retter verschlingen.

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