Börsengänge
Die Pflicht zur Sorgfalt

Investmentbanken haben bei Neuemissionen eine “duty of care“ gegenüber den Investoren. So hat das oberste Gericht der Niederlande jüngst – halb auf Englisch - geurteilt. Das könnte zu einer verbesserten Sorgfaltsprüfung bei Erstemissionen führen. Es besteht allerdings die Gefahr, dass die Finanzberater dieses Urteil als Ausrede dafür hernehmen, höhere Gebühren zu verlangen.
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Banker, die auf den Aktienkapitalmärkten tätig sind, haben jüngst einen Schock erlitten. Das oberste Gericht der Niederlande verkündete in einem Urteil, dass sie bei neuen Emissionen gegenüber den Investoren stärker in der Verantwortung stehen als zuvor gedacht. Dies könnte verbesserte Sorgfaltsprüfungen bei Erstemissionen (IPOs) vorwegnehmen. Die Gefahr allerdings besteht, dass die Finanzberater das Urteil als Ausrede dafür hernehmen, um die Gebühren für eine Aufgabe zu erhöhen, die ohnehin dem Standard entsprechen sollte.

Die Banker legen nahe, dass die Entscheidung, die den IPO des Internetproviders World Online im Jahr 2000 betrifft, einen gefährlichen Präzedenzfall schafft, der Prozessen seitens der Investoren Tür und Tor öffnen und den Markt für Neuemissionen beschädigen könnte. Das Gericht kam zu dem Urteil, dass ABN Amro und Goldman Sachs, die damals zusammen als globale Koordinatoren und Konsortialführer der Erstemission fungierten, die Investoren in die Irre geführt hatten. Es verwies zudem darauf, dass die Banken verpflichtet sind, über das Emissionsprospekt hinaus zu kommunizieren. Das Gericht hat sich dabei ausdrücklich der englischen Worte "duty of care" in einer ansonsten auf Niederländisch abgefassten Erklärung bedient.

Dies alles spielt sich zu einem Zeitpunkt ab, zu dem sich die Investmentbanken auf einen Boom auf dem europäischen Markt für Neuemissionen einstellen. Das Urteil aus den Niederlanden mag keine weiteren Kreise ziehen. Aber einige Rechtsanwaltskanzleien warnen offenbar die Investmentbanken bereits, sie müssten ihre Vorgehensweise verbessern. Für Anwälte und Wirtschaftsprüfer sieht das Urteil positiv aus und es könnte sich aus als Bonus für Firmen herausstellen, die ihren Lebensunterhalt mit privaten Ermittlungen und Informationsoffenlegung verdienen.

Die Emittenten werden besorgt sein, dass sie die Kosten für all die Zusatzarbeit tragen müssen. Vergleiche mit der Lage in den USA drängen sich auf, wo die aufsichtsrechtlichen Bestimmungen härter und Gerichtsverfahren stärker an der Tagesordnung sind - und die IPO-Gebühren höher liegen.

Aber eine Anhebung der Gebühren wäre nicht gerechtfertigt. Eine Erstemission sollte nicht als eine einmalige Gelegenheit zum Erhaschen von Einnahmen für die Finanzberater angesehen werden, sondern möglicherweise als der Beginn einer rentablen, lang anhaltenden Verbindung mit einem Unternehmenskunden. Ein wenig genauer nachzuhaken, bevor man ein Geschäft auf den Markt bringt, sollte einige der peinlichen Episoden vermeiden helfen, die sich abgespielt haben, wenn die Unternehmen oder deren Management nach dem Börsengang die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen konnten.

Wenn die Sorgfaltsprüfung belastbarer wird, wird das Vertrauen der Investoren in den IPO-Markt gestärkt und dies wiederum sollte sich in eine günstigere Preisgestaltung ummünzen lassen. Und davon werden sowohl die Emittenten als auch die Berater profitieren.

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