Faktor Mensch
Entschuldigung … kennen wir uns schon?

Unsere Wege kreuzen sich nur noch bei Besprechungen oder auf der Toilette. Bei Ersterem sorgt eine Sitzordnung für Distanz, bei Letzterem die Höflichkeit.
  • 0

Die Parallelgesellschaften von Deutschen und Türken, dramatisiert von Thilo Sarrazin, oder die Mauer in den Köpfen von Ossis und Wessis, über die wir wieder am Tag der Deutschen Einheit debattiert haben – so weit brauchen wir gar nicht gehen. Dass sich Gleich und Gleich gern gesellt und dass es viele Mauern und Mikrokosmen gibt, erleben wir jeden Tag.

In der Firma gibt es eine Tiefgarage, ein Sekretariat mit einer Espressomaschine, den feinen Italiener um die Ecke, das Büro mit den Designermöbeln – das alles ist Führungsriegerefugium. Für den Rest bleiben die Bushaltestelle, klebrige Teeküche, Kantine und die Parzelle im Großraum. Beide Gesellschaften existieren parallel – nur getrennt durch milchfarbene Glastüren, Gipskarton-Wände und Vorzimmerchen. Die Wege kreuzen sich bei Besprechungen oder auf der Toilette. Bei Ersterem sorgt eine Sitzordnung für Distanz, bei Letzterem die Höflichkeit.

Und das ist nur der Berufsalltag. Im Privatleben geht es erst richtig los. Wir, die „gehobene“ Mittelschicht, wohnen im Grünen oder ganz oben – im Penthouse. Ein Aufzug bringt uns hoch und garantiert null Nachbarberührung, und von oben schauen wir auf den Rest herab. Beim Bäcker stottern wir auf einen freundlichen Gruß zurück: „Entschuldigung ... kennen wir uns schon?“

Unsere Kinder schotten wir im „exklusiven Vorschulkindergarten Froschkönig“ ab – wenn wir sie nicht gleich selbst und zu Hause verziehen (lassen). Danach geht es auf die auserwählte Grundschule, das erlesene Gymnasium, die teure Privatuni. Unsere Einkäufe erledigen wir diskret, bei Dolzer Maßkonfektionäre, Feinkost Münstermann.

Alte Begegnungsstätten, wo wir früher fraternisierten, wo Blaumann neben Nadelstreifen stand, Deichmann-Ballerinas neben Louboutin-Pumps, die Strandliege neben der -matte lag, funktionieren nicht mehr: der Fußballplatz, die Kirche, der Urlaub. Wir gehen ins anonyme Fitnessstudio, spielen Tennis, Golf. Fußball schauen wir nur noch, wenn WM ist. In die Kirche zieht es uns, wenn überhaupt, nur noch, wenn es was zu feiern gibt wie Kommunion oder Konfirmation und Weihnachten. Eine Zeremonie lang tun wir dann so, als seien wir eine Gemeinschaft. Will aber nach dem Gottesdienst unser Karl-Gustav mit Dustin bolzen, ist es genug mit Gemeinde und Nächstenliebe. DIE deutsche Urlaubsdestination wie einst den Teutonengrill gibt es auch nicht mehr. Wir fahren an die Côte d'Azur, den Gardasee, nach Sylt. Vom Ballermann und Balkonien haben wir nur ferngesehen.

Mit unseresgleichen haben wir es uns schrecklich-schön eingerichtet, nur leider das Gespür für das große Ganze und die anderen verloren. Ja, und weil das langweilig ist und langfristig nicht gutgehen wird, bin ich für eine Kindergartenpflicht und ein verpflichtendes soziales Jahr für alle Jugendlichen – im Sinne einer Zivilgesellschaft, die wir bei aller Rationalität und Gegensätzlichkeit brauchen. Tanja Kewes Die Autorin leitet das Ressort Namen und

Karriere. Sie erreichen sie unter:

kewes@handelsblatt.com

Kommentare zu " Faktor Mensch: Entschuldigung … kennen wir uns schon?"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%