Faktor Mensch
Über Schlagzeilenkönige, Kaltgestellte und die Neue Frau

Einen Vorspann, wie ihn der NDR in den 80er-Jahren mit "Monstren, Mumien, Mutationen" vor Horrorfilmen zeigte, braucht der Rückblick auf das Jahr 2010 zwar nicht....
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... doch es war ein Menschen bewegendes Jahr - und zwar quantitativ wie qualitativ, auf der Makro- wie auf der Mikroebene. Die Arbeitslosigkeit sank unter die Grenze von drei Millionen. Der ängstliche wie hysterische Ausruf "Fachkräftemangel" der deutschen Wirtschaft war da die logische Folge und Pflicht. Und der Wunsch nach "Diversity", also der Mobilmachung von bisher Missachteten wie Frauen und Ausländern, die Kür.

Das war die Makroebene. Und Mikro? Wer hat es geschafft - oder nicht verhindern können -, die Karriere des Jahres zu machen?

Da sind die Schlagzeilenkönige. Und getreu der Regel "Only bad news are good news" sind das die Absteiger und Blamierten des Jahres. Jörg Kachelmann wandelte sich vom geliebten Wetterfrosch und cleveren Geschäftsmann zum angeklagten Sexmonster. Die Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, mutierte durch Alkohol am Steuer von der ersten protestantischen Heiligen zum unmoralischen Leichtgewicht, feierte nach ihrem Rücktritt aber eine gewisse Auferstehung als Autorin. Und aus "Horst, wer?" wurde "Horst, weg!". Als Bundespräsident schmiss Horst Köhler nach Kritik hin.

Dann die Könntegern-Stars von 2010. Karl-Theodor zu Guttenberg, der erste wieder geliebte Politiker seit Willy-wählen-Brandt und Wiedervereinigungs-Helmut-Kohl. Der 39-jährige Politstar gilt als künftiger Kanzler - und das trotz des unbeliebten, altvorderen Amts des Verteidigungsministers. Der zweite noch ungekrönte Kronprinz ist Anshu Jain. Der Inder und Investmentbanker wird heiß gehandelt als Nachfolger von Josef Ackermann als Vorstandschef der Deutschen Bank. Ein Freiherr und ein Rain-Maker könnten gut und gerne unsere Stars von morgen sein.

Eine Kategorie für sich war dieses Jahr einer: Thilo Sarrazin. Der Bundesbanker und SPD-Politiker elektrisierte mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" das Land und verlor darüber seinen Job. Für die einen war er ein amoklaufender Wahnsinniger, für die anderen ein Star, der die Wahrheit sagte.

Und dann die Comebacks von Mumien und Kaltgestellten. Heiner Geißler, der 80-jährige Politpensionär, schlichtete im Ländle die Republik. Roland Berger, der Ehrenvorsitzende, rettete sich und seine Beratung aus größter Not. Dann Leo Apotheker. Der weggejagte Vorstandschef von SAP triumphierte als neuer Chef von Hewlett-Packard in den USA. Und schließlich Roland Koch. Der gefühlt ewige Ministerpräsident von Hessen bekam als Bundespolitiker in Berlin keine Chance, stieg aus und wurde Chef des Baukonzerns Bilfinger Berger.

Schließlich die Neue Frau. Da gibt es einerseits ja sehr Erfreuliches zu berichten wie den Aufstieg von vier Frauen in die erste Dax-Liga: Regine Stachelhaus (Eon), Brigitte Ederer (Siemens), Angelika Damann (SAP), Margret Suckale (BASF). Andererseits aber auch schrecklich Schönes. Die Bezeichnung "Frau an seiner Seite" bekam mit Ursula und Ferdinand Piëch (Volkswagen, Porsche) eine ganz neue Bedeutung. Wie schon Liz Mohn (Bertelsmann), Friede Springer (Axel Springer) und Maria-Elisabeth Schaeffler soll die fröhliche Kindergärtnerin nach seinem Tod übernehmen - und so deutsche Autogöttin werden.

Das ist einerseits toll, andererseits alles andere als ein Rollenvorbild für junge Frauen. Wenn sie dann auch noch den Vornamen ändert wie die gemeine Kate Middleton, die durch die Ehe mit dem britischen Thronfolger zur edlen Lady Cathrine mutiert, sieht die Neue Frau wieder alt aus, und wir wünschen uns als Moderatorin für den Abspann Alice Schwarzer. Wer hat es geschafft, die Karriere des Jahres zu machen?

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

Kommentare zu " Faktor Mensch: Über Schlagzeilenkönige, Kaltgestellte und die Neue Frau"

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  • So viele Lichtgestalten und scheinbare Erfolge, aber man sollte meinen, es ist dunkler geworden im Jahre 2010, in Europa, aber auch in Deutschland.

  • Man sollte die Dinge philosophsich im Sinne von Schopenhauer betrachten: Die Welt als Komödie. Es wird so weitergehen bis zum letzten Tage der Menschheit.

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