G 20
G20: Rückkehr zur Normalität

Der Rückzug aus der Fülle von Anti-Krisen-Maßnahmen ist tückisch und riskant. Ein zu schneller Ausstieg könnte unmittelbar in die nächste Rezession führen. Aber eine Fortsetzung der stimulierenden Konjunkturprogramme könnte die bedenklichen alten Ungleichgewichte wieder aufleben lassen.
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Manche Lösung kann selbst zum Problem werden. Der Maßnahmenstrauß, der den freien Fall der Wirtschaft Anfang 2009 stoppte - gigantische Haushaltsdefizite, minimale Tagesgeldsätze und weitreichende Hilfen für das Finanzsystem - muss nun wieder zurückgenommen werden. Aber der Ausgang ist schmal und heikel.

Die G20-Finanzminister, die sich am Freitag und Samstag in London trafen, haben den ersten, noch einfachen Schritt bereits getan. Sie haben Anlegern versichert, dass sie zur Normalität zurückrudern werden, sobald das ohne Gefahr möglich ist. Noch aber ist es nicht ganz so weit, auch wenn die Wirtschaftsnachrichten allmählich etwas freundlicher werden.

Der richtige Zeitpunkt könnte allerdings schon sehr bald kommen. Jetzt zu lange zu zögern oder zu langsam zu reagieren ist äußerst riskant. Die Käufer festverzinslicher Wertpapiere könnten Regierungen im Stich lassen, die sich den Ruf erworben haben, unheilbar über ihre Verhältnisse zu leben. Die staatlich gestützten Banken könnten zu großzügig extra-billige Kredite verteilen und damit die Kurse der Vermögenswerte in die Höhe treiben - oder sogar die Verbraucherpreisinflation anheizen.

Die größte Gefahr einer übermäßig in die Länge gezogenen Konjunkturstimulanz besteht aber wohl darin, dass sie zu falschen Schlüssen verleitet. Die Anzeichen für einen Rückfall der Finanzwelt in die alten gedankenlosen Verhaltensmuster mehren sich bereits. Die Konsumenten könnten die Erinnerung an die Sparkassenmisere verlieren - und bewirken ,dass sich der Trend zum Ausgleich der Ungleichgewichte im Handel wieder umkehrt und neue Schuldenberge entstehen.

Eine überstimulierte Welt verführt zu schlechten Gewohnheiten, aber auch ein schneller Rückzug ist gefährlich. Die politische Kehrtwende in den 1930er- und 1980er-Jahren in den USA und in den 1990ern in Japan würgte damals die zaghaften Erholungstendenzen ab und führte zum Rückfall in die Rezession. Und in jedem einzelnen dieser Beispiele waren die Konjunkturspritzen weniger extrem als heute.

Nach zwei Jahren, in denen die Nachrichten kontinuierlich schlechter ausfielen als erwartet, haben die Politiker heute größere Angst vor der nächsten Bankenkrise und einem W-förmigen Konjunkturverlauf als vor zu reichlichen Krediten oder zu schnellem Wachstum. Im Augenblick mag das noch berechtigt sein.

Aber was die Welt am meisten braucht, ist ein stabileres Gleichgewicht. Chronische Schuldner - die USA, Großbritannien und Spanien - müssen ihre Produktionskapazitäten erweitern und chronische Gläubiger - China, Japan, Deutschland und die Ölexporteure - müssen ihre Binnennachfrage stärker an den eigenen Output anpassen. Nur so kann sich ein langfristig stabiler Aufwärtstrend etablieren und ein Rückfall in die alten negativen Verhaltensmuster vermieden werden.

Ein solcher Wandel fordert Opfer. Wenn die G20 den richtigen Weg finden wollen, dann müssen die reichen Nationen einige Jahre geringen Wachstums hinnehmen, vielleicht mit Raten von nur einem Prozent des Sozialprodukts, und hohe Arbeitslosenquoten akzeptieren. Die Exit-Strategien der G20 sollten darauf hinwirken - nicht auf eine schnelle Rückkehr zu Wachstumsraten von 2 bis 3 Prozent, die bisher als normal betrachtet wurden. Es ist bedauerlich, dass die Politiker diese Sicht offensichtlich nicht teilen.

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