Großbritannien
Das alte Geldmengen-Allheilmittel

Der britische Notenbankgouverneur Mervyn King unterstellt, dass sehr viel neu gedrucktes Geld den „langen, steinigen Weg“ der Erholung deutlich abmildern kann. Das ist falsch. Die Notenpresse hat vielleicht eine Deflation verhindern können, aber sie kann kein Wachstum ankurbeln, ohne Inflation hervorzubringen.
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Die internationalen Gespräche werden von Exit-Strategien beherrscht. Aber Mervyn King, der Gouverneur der Bank of England, ölt weiter die Notenpresse. Bei der Vorstellung des vierteljährlichen Inflationsberichts argumentierte King, mit der Verteilung ein paar weiterer Milliarden könne Großbritannien den immer noch „langen, steinigen Weg“ abmildern. King hofft, dass die lockere Geldpolitik das Wachstumsfeuer wie erhofft anfachen kann – auf 4 Prozent Anfang 2011 – ohne große Inflationswirkung zu entfalten. Das ist allerdings unwahrscheinlich.

King selbst rechnet kurzfristig mit einem leichten Anstieg der Inflation. Höhere Benzinpreise und die Rückkehr zum Mehrwertsteuersatz von 17,5 Prozent im Januar würden die Inflation über den Zielwert der Bank von 2 Prozent hinaustreiben. Dann aber, so glaubt man bei der BoE, würden die dämpfenden wirtschaftlichen Einflüsse die Inflation bis 2011 wieder unter die 2-Prozentmarke drücken.

Die wichtigste Wachstumsbremse in Großbritannien ist der Staat. Sein Defizit ist mit rund 14 Prozent des BIP einfach zu groß und könnte sogar noch weiter anwachsen – und die Geduld der Investoren zusätzlich strapazieren. Wenn die BoE schließlich kein Geld mehr druckt und nicht mehr als Nachfrager auftritt, ist die Gefahr groß, dass die langfristigen Zinsen schlagartig anziehen und dabei jede Form von Erholung in Großbritannien abwürgen.

Wie King selbst sagt, ist vieles ungewiss – und außerhalb der Kontrolle der Bank. Wachstum und Inflation in Großbritannien hängen davon ab, wie gut sich die Weltwirtschaft erholt, wie schnell Großbritannien sich anpassen kann, wie eilig es die Regierung, egal unter welcher Partei, damit hat, das Defizit abzubauen und wie sich das Pfund Sterling entwickelt, das, wie King ebenfalls feststellt, fallen muss, um Großbritannien zu helfen seine Wettbewerbsfähigkeit zurückzuerlangen und wieder zu wachsen.

Aber das eigentliche Problem der Zentralbank besteht darin, dass sie zu viel von der monetären Lockerung, oder anders ausgedrückt der Notenpresse, erwartet. Als Deflationsvermeidungsinstrument hat sich das Quantitative Easing zusammen mit den sehr niedrigen Zinssätzen bewährt, das ist wohl wahr. Wenn aber durch eine immer weiter anwachsende Geldmenge Wachstum ohne Inflation erzeugt werden könnte, dann wäre Lateinamerika schon vor vielen Jahren aufgeblüht.

Um inflationsfreies Wachstum zu erzeugen, braucht man schon etwas mehr Substanz. Wie wäre es zum Beispiel mit ein bisschen Industrie und ein wenig Export? Während die BoE weiter druckt und die Regierung weiter besteuert, sollten einige unerschrockene britische Seelen sich lieber darum kümmern.

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