Kolumne „Off Screen“
Die analoge Rettung Güterslohs

Random House, der weltgrößte Buchverlag, hat seine Konzernmutter Bertelsmann vor einer desaströsen Bilanz bewahrt. Doch Europas größter Medienkonzern kommt bei der digitalen Aufholjagd nicht richtig voran.
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Wenn die Rede auf Jeff Bezos kommt, gerät der weltgrößte Verleger, Markus Dohle, sichtlich ins Schwärmen. Er strahlt über das ganze braun gebrannte Gesicht. Der Vorstandsvorsitzende des Buchkonzerns Random House (C. Bertelsmann, DVD, Heyne, Siedler, Gütersloher Verlagshaus) ist dem Gründer und Chef des Internethändlers Amazon nämlich zutiefst dankbar.

Denn Amazon hat der Buchbranche mit der Einführung elektronischer Lesegeräte laut Dohle eine legale Plattform für den Verkauf ihrer Inhalte beschert – ein unschätzbarer Vorteil im Vergleich zu den Zeitschriften- und Zeitungsverlagen. Denn die kämpfen seit vielen Jahren hart, bisweilen verzweifelt um die Durchsetzung von Bezahlinhalten.

Dohle, der einstige Buchlogistiker und Druckerei-Manager, kennt Bezos seit Jahren persönlich. Der Wahl-New Yorker mit Zweitwohnsitz in Gütersloh, dem Stammsitz von Bertelsmann, erzählt dies auch laut und gerne. Was der Wirtschaftsingenieur hingegen selten zum Thema macht: Das gedruckte Buch – die Erfindung von Johannes Gutenberg aus dem 15. Jahrhundert – bestimmt noch immer das Geschäft der größten Buchverlagsgruppe dieses Planeten.

Random House macht vier Fünftel seines globalen Umsatzes von knapp 1,75 Milliarden Euro mit analogen Medieninhalten – trotz des Siegeszuges von Tablet-PCs wie Kindle, iPad oder Galaxy. In Deutschland ist die Situation sogar noch viel analoger. Schenkt man Branchenteilnehmer hierzulande Glauben, liegt der Anteil von E-Books am Gesamtumsatz des Verlages weiterhin im unteren einstelligen Prozentbereich.

Auch wenn es Bertelsmann-Chef Thomas Rabe nicht gerne hört, ausgerechnet die analogen Geschäfte im Buchbereich haben Europas größten Medienkonzern gerettet. Nur Dank gedruckter Bücher ist Bertelsmann an einem bilanziellen Desaster vorbeigeschrammt.

Seit fast eineinhalb Jahren steuert Thomas Rabe nun die Geschicke Bertelsmanns. Seitdem redet der ehemalige Finanzvorstand gebetsmühlenartig von der digitalen Transformation des Konzerns. Im vergangenen September schwor der Chefstratege des Gütersloher Familienunternehmens die versammelte Führungsriege in Gütersloh auf das neue Mantra ein.

Doch die entscheidenden Erfolge im weit verzweigten Bertelsmann-Imperium blieben bisher aus. Ein Negativbeispiel ist Gruner + Jahr. Europas größter Zeitschriftenverlag hat in der vergangenen Woche zum zweiten Mal in seiner fast fünfzigjährigen Geschichte rote Zahlen verkünden müssen. Die Chancen auf eine nachhaltige Besserung bei den Hamburgern sind eher gering. Stan Sugarman, der seit vergangenen Herbst mit dem stolzen Titel „Chief Digital Officer“ bei Gruner + Jahr ausgestattet ist, kam kürzlich von einer USA-Reise ziemlich ernüchtert zurück.

Kommentare zu " Kolumne „Off Screen“: Die analoge Rettung Güterslohs"

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  • Bertelsmann hat nicht das Problem Rabe sondern das Problem Mohn. Wenn die permanent dazwischenfunken, gehts mal hin und mal her. So wurde auch der Vorgänger zermürbt - und dankte vorzeitig ab.

    Wenn man sich mal die Ausbildung und die wirtschaftlichen Erfolge quer durch die heutige Familie anschaut, kennt man auch den Hintergrund des Status Quo. Unternehmertum vererbt sich nicht auf Wunsch. Heirat ist ebensowenig die Standardlösung für die wirtschaftliche Zukunft.

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