B.wertet
Der Advent und die Börse

Haben fundamentale Daten noch eine Bedeutung für die Börse? Man könnte es bezweifeln.
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Seit Monaten werden die Börsen der Welt vom Verhalten der Politik beherrscht. Es sind die Schuldenkrise in Europa und den USA und der Umgang der Politik mit den anstehenden großen Herausforderungen, die die Anleger in erster Linie beschäftigen. Fundamentale Daten wie die – überwiegend positiven – Ergebnisse einzelner Unternehmen spielen allenfalls eine untergeordnete Rolle. Verlässliche Gewinne, steigende Exporte, angesichts bedrohlicher Staatsschulden in vielen Ländern werden gute Nachrichten kaum wahrgenommen.

Und dabei beklagt sich die Politik auch noch, dass sie nur am Wochenende nach Börsenschluss und vor Börseneröffnung tagen könne, weil die Märkte einen solchen Einfluss auf die politische Gestaltung nähmen.

Dabei ist es doch eher umgekehrt: Die überwiegend hilflosen Versuche der Politik, die Krise zu meistern, welche sie sich über lange Jahre und viele Wahlperioden hinweg selbst eingebrockt hat, führen zu gewaltigen Ausschlägen an den Börsen. Die bisherigen Lösungsvorschläge werden von den Investoren schnell als „dünnes Brett“ erkannt, und so fallen die Indizes nach kurzen Hoffnungsausschlägen wieder stark ab.

Momentan verlieren meines Erachtens immer mehr Beobachter, Kommentatoren und Agitatoren der gegenwärtigen Situation das Gefüge von Ursache und Wirkung aus den Augen: Weil die Staaten im Schuldensumpf stecken, werden sie von den Ratingagenturen schlechter bewertet – die exorbitanten Schulden sind nicht die Folge schlechter Ratings oder Fehler der Kreditgeber (der Banken also).

Schlechtere Bewertungen der Staaten verstärken wegen der dadurch verteuerten Refinanzierung die Probleme mit den Schulden und erschweren deren Abbau, das ist unbestritten. Aber sie haben die Schuldenkrise eben nicht ausgelöst. Für die Politik oder Bewegungen wie Occupy ist es jedoch sehr viel einfacher, die Schuld den Ratingagenturen oder den Banken zuzuweisen. Die Öffentlichkeit hat schließlich in der Bankenkrise 2008/2009 gelernt, dass das die Bösen sind.

Richtig wäre es, sich selbst an der Nase zu fassen und zu bedenken, dass wir alle Teil des Problems sind. Wir, die wir seit Jahren Politiker wählen, die mehr ausgeben als sie einnehmen, statt sie deswegen zum Teufel zu schicken. Aber im Zug des Mainstreams sitzt man bequem in weichen Polstern und der Fahrtwind trifft die, die draußen bleiben. Der Lösungsansatz liegt in erster Linie beim Verhalten der Staaten, beim Denken in Wahlperioden, beim Abgeben von Wahlversprechen, beim nicht wirklich nachhaltigen Agieren der Politik...

Zurück zu den fundamentalen Daten und ihren Einfluss auf die Börse. Am Montag dieser Woche bewegten sich die wichtigsten Indizes erstmals wieder nach oben, nachdem sie mehrere Tage in Folge stetig gefallen waren. Was war der Grund? Die gute Stimmung hatte nichts mit der Lösung der Schuldenkrise zu tun. Beobachter nannten das optimistisch eingeschätzte Konsumentenverhalten vor Weihnachten als Auslöser. Der Krise zum Trotz – vielleicht auch wegen ihr – werden die Menschen nicht auf Weihnachtsgeschenke verzichten. So planen etwa die Kunden in Deutschland fast so viel einzukaufen wie im rekordverdächtigen Vorjahr.

Diese gute Nachricht zu Beginn des Advents ließ die Kurse vieler Unternehmen klettern und damit auch die Indexstände. Die Hoffnung reichte zwar nur für einen Tag – aber noch haben wir 23 Tage Advent vor uns

 

Ihre cb.

Christine Bortenlänger, geboren 1966 in München, ist Geschäftsführerin der Börse München.

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Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.
Christine Bortenlänger
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  • 1. Es gibt keine objektive Obergrenze für Staatsschulden. Selbstverständlich war es für jedermann zu sehen, wie die Ratingagenturen im „Wochenrythmus“ die Staaten abgewertet haben für einen Verschuldungszustand, der nur in Jahren abgebaut werden könnte.
    2. Ratingagenturen und die „Märkte“ haben die Finanzkrise ausgelöst, die durch die Geldpolitik der amerikanischen Notenbank vorbereitet wurde. Die Rettung der Banken und die anschließenden Konjunturpakete haben zu der hohen Staatsverschuldung geführt. Die vorher vorhandene Staatsverschuldung war noch „im Rahmen“.
    3. Es ist nicht richtig, dass Kreditgeber keine „Schuld“ an den Krediten haben, die Kreditnehmer bei ihnen „abrufen“. Selbstverständlich gibt es eine Geschäftspolitik, die dazu führt, dass die Banken unterschiedlich hoch in verschiedenen Staatsanleihen engagiert.sind.

    Richtig ist, dass die hohen Schulden nicht die Folge von schlechten Ratings sind. Richtig ist aber auch, dass die schlechten Ratings zu höheren Schulden führen.

  • Was soll diese (hoffentlich) gespielte Ahnunglosigkeit der Autorin? Die Börse handelt Zukunft, und dazu gehören nun mal alle Daten, sprich Informatonen, und eben nicht nur so genannte Fundamentaldaten.

  • Guido Westerwelle nannte die sozialen Ansprüche in Deutschland "spätrömische Dekadenz".

    Was auch immer hernach auf ihn an Kritik einprasselte, mochte "politisch korrekt" gewesen sein, ging aber in die falsche Richtung:

    Es war nicht nur der nimmersatte römische Plebs (bitte googeln, das ist kein Schimpfwort), der den Untergang herbeiführte, sondern das Verhalten bis hinauf in die Aristokratie - Kaiser wurde etwa, wer die Prätorianer am besten bezahlte. (Gut, die Misere begann bereits mit dem eigentlichen "Verbrechen" Neros, Griechenland aus der römischen Steuerschuld zu entlassen.)

    Der Deutsche hat sich nun einmal schlicht daran gewöhnt, dass er "Brot und Spiele" gratis geboten bekommt, was selbst in Zeiten bester Konjunktur nur durch Verschuldung zu bezahlen war.

    Herr Steingart hatte es in einem Leitartikel sehr höflich umschrieben, dass Korrekturen an diesem System unausweichlich, aber nur zum Preis eines Aufstandes durchzuführen sind. Diesen Aufstand nun schon so lange hinausgezögert zu haben, muss man der Politik sicherlich als Erfolg anrechnen.
    Ganz so schlecht sind unsere Lenker dann wohl doch nicht...

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