B.wertet
Kampf gegen die Nein-Sager

Stuttgart 21, neue Flugbahnen in Frankfurt oder München, Kohlekraftwerke oder schlicht Stromleitungen: Immer mehr Deutsche werden zu Nein-Sagern, obwohl sie den Fortschritt eigentlich wollen. Wir brauchen mehr Ja-Sager.
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Im Jahr 1931 veröffentlichte der bekannte Dramatiker Bert Brecht quasi im Doppelpack die zwei Schulopern „Der Jasager“ und „Der Neinsager“. Im Wesentlichen geht es darum, dass ein Junge sich dessen bewusst ist, dass er ums Leben kommt, wenn er zu einer Entscheidung ja sagt, dass er aber überlebt, wenn er nein sagt. So kommt es zur Einführung eines neuen Brauchs, wie der Knabe es selbst nennt. Mir scheint es nun, dass der einmal neue Brauch des Nein-Sagens sich bei uns in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten so fest eingebürgert hat, dass wir zusehends das Ja-Sagen verlernt haben.

Fast allen anspruchsvollen Projekten schallt erst einmal ein lautes Nein entgegen. Wobei hier an die Worte des bayerischen Liedermachers Konstantin Wecker erinnert sein mag, dass „nicht immer die Lauten stark sind, nur weil sie lautstark sind“. Will heißen, das Nein manifestiert sich laut und deutlich und für alle sehr vernehmlich, aber es ist schwer auszumachen, ob wirklich die Mehrheit dahinter steht.

Selbst wenn es bei institutionalisierten Protesten zu einem demokratischen Bürgerentscheid kommt, der sich um ein konkretes Projekt dreht, gewinnt meist die Fraktion der Ablehnung, weil sie ihre Gefolgschaft geschlossen hinter sich zu bringen vermag. Die Befürworter agieren da meist gelassener und weniger motiviert. Prompt werden sie dann meistenteils überstimmt.

Stuttgart 21 manifestierte sich für mich zu einem Höhepunkt des Nein-Sagens. Allerdings auch zu einem Wendepunkt, denn hier dürfte erstmals die leise Mehrheit gegen die laute Minderheit gewonnen haben, setzten sich beim Volksentscheid doch die Befürworter klar durch. Vielleicht ist damit – endlich – ein Ende des Nein-Sagens erreicht und wir treten in eine neue Phase des Ja-Sagens ein. Ähnliches gibt es derzeit in München zu beobachten.

Kommentare zu " B.wertet: Kampf gegen die Nein-Sager"

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  • Mit Ihren Argumenten könnte man direkt auch gegen Autos, Busse, Züge und sämtliche Grundpfeiler unserer Gesellschaft argumentieren - alles ist irgendwo gesundheitsschädlich. Ich empfehle Ihnen, auf eine Karibikinsel auszuwandern. Allerdings ist zu viel Sonne nach den heutigen Stand der Wissenschaft auch schädlich, und der ganze Sand erst...

  • Was man vor allem Naiv finden kann ist zu glauben, dass eine Gesellschaft einer Minderheit wirklich alles aufdrücken kann, wenn es nur um Fortschritt und Wohlstand ginge. Hier wird die Gesellschaft den Menschen die massiv geschädigt werden würde, schon auch etwas mehr als Lösung anbieten müssen, als warme Luft!

    Was heute Stand der Wissenschaft ist, Fluglärm ist eine gesundheitsschädliche Emission! Dadurch werden Herzkreislauferkrankungen verursacht die mit einem netten Herzinfarkt oder Schlaganfall enden könnten oder Depressionen oder bei Frauen wirken sich Beeinträchtigungen des Immunsystems auf das Risiko an Brustkrebs zu erkranken aus. Kinder haben dieses Risiko auch und oben drauf kann ihre Entwicklung massiv gestört werden.

    Da sollte man schon überhaupt einmal wissen, wozu Menschen "JA" sagen sollen, bevor man von Naivität spricht!

  • Der Wutbürger ist die deutsche Variante der in der letzten Zeit so stark gescholtenen Griechen. Letzere wollen prassen , aber keine Schulden zurückzahlen. Der Wutbürger will ein phantastisches Idyll auf Kosten nachfolgender Generationen.

    Neinsagen bedeutet gesamtwirtschaftlich nicht Stillstand oder Verharren auf dem aktuellen Niveau. Sowas geht nicht, sondern es bedeutet den Abstieg, und zwar sehr rasch, hin auf Zweite-Welt-Niveau.
    Ich empfehle den Dame/Herren Wutbürgern, sich mal in der weissrussischen oder ukrainischen Provinz umzusehen. Und vergessen Sie bitte nicht, sich nach dem gesundheitlichen Zustand der Bevölkerung und deren Lebenserwartung zu erkundigen.

    Und übrigens, der Glaube, ein grössere und frühere Bürgerbeteiligung an Infrastrukturprojekten würde zu mehr Akzeptanz und schnellerer Umsetzung führen ist naiv. Es wird so sein, wie bei verwöhnten Kindern: gibt man ihnen erst mal auf ihr Geschrei hin einen Finger, sind sie bald nicht mehr mit der ganzen Hand zufrieden.

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