Connellys Corner
Und das ist auch gut so!

Eine Vielfalt an Parteien und deren Führungspersönlichkeiten zeigt die gelebte Toleranz in unserem Lande. Amerika könnte sich etwas abschauen.
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Es ist ein kleiner Schritt für den Menschen und eine Meldung von vielen. Im tiefsten Bayrischen Wald wählten die Bürger vor wenigen Tagen einen neuen Landrat. Nicht den braven Mann von der CSU. Nein, einen schwulen, evangelischen, 26-Jährigen der SPD. Er ist nun der jüngste Landrat in Deutschland, der vor dieser Wahl den Titel des jüngsten Bürgermeister Deutschlands trug. Und das ganz ohne Castingshow und garstiger Jury!

Lassen wir mal die eventuellen Implikationen, die mit dem Lokalerfolg der SPD im CSU-Land verknüpft sein mögen, außen vor. Das ist Stoff für eine andere Kolumne. Solche Meldungen zeigen, dass wir Deutschen ein recht tolerantes Völkchen geworden sind. Zumindest was das Privatleben von Politikern angeht. Ganz im Gegensatz zu unseren amerikanischen Freunden.

Schaue ich über den großen Teich, so fällt mir immer wieder die Scheinheiligkeit vieler amerikanischer Politiker auf. Große Auftritte werden mit Ehefrau (oder -mann) an der Hand absolviert, lächelnd in die Kamera blickend, die herausgeputzten Kinder mitziehend. Reine Pflichttermine, schaut man sich das gefrorene Lächeln an. Diese Bilder kennt man von Bill Clinton, Elliott Spitzer oder Anthony Weiner.

Hinreichend bekannt sind aber die Geschichten von Präsident Bill Clinton und seiner Affäre mit der berühmtesten Praktikantin der Welt, Monica Lewinsky. Oder Elliott Spitzer, der zunächst die Wall Street als Attorney General hart unter Beschuss nahm, dann als Gouverneur von New York aufgrund einer Prostituierten-Affäre seinen Posten abgeben musste. Oder der Politiker Anthony Weiner, der anzügliche Fotos seines „Weiner“ über Twitter versandte und dann vom Amt zurücktreten musste.

Alle führten vordergründig gute erste Ehen, gerne mit Kind(ern). Meist eine Grundvoraussetzung, um in ein hohes politisches Amt vom vermeintlich konservativen amerikanischen Mainstream gewählt zu werden.  Meldungen über schwule Politiker sind öffentlich eher selten.  Einer der bekanntesten ist Barney Frank, prominenter Demokrat aus dem liberalen Bundesstaat Massachusetts. Bevor er  öffentlich machte, was viele ohnehin wussten, war er bereits fest im politischen Sattel verankert und so etwas wie eine Institution.

Homosexuelle Politiker erzeugen in Deutschland kaum noch ein Stirnrunzeln. Bürgermeister Wowereit, der für meine Schlagzeile herhalten musste, ist ein prominentes Beispiel. Der fast vergessene Außenminister Westerwelle ein weiteres. Politiker aller Couleur sind kaum öffentlich wirksam inszeniert mit Ehepartnern und Kindern an der Hand zu sehen, sondern meist in unseren vielen Talkshows als Alleinunterhalter. Findet man Berichte über deren Privatleben, so werden ganz selbstverständlich die diversen Ehen und Patchwork-Konstruktionen beschrieben.

Eine Kanzlerin Merkel händchenhaltend mit ihrem Ehemann auftretend? Kaum vorstellbar. Eher noch der bieder wirkende Herr Wulff mit Mut zu neuer Liebe, Ehe und Kind. Verliebtes Pool-Geplätscher à la Scharping, heute besser bekannt als Deutschlands oberster Radfahrer, kam weniger gut an. Und sein ehemaliger Parteigenosse Lafontaine, schaffte es mit seinem knappen Liebesbekenntnis, tatsächlich ein Lächeln in die Augen und auf die Lippen der sehr streng wirkenden, deutlich jüngeren Frau Wagenknecht zu zaubern,  ohne das Deutschland in Ohnmacht fällt.

Vielleicht lassen sich Parallelen ziehen zu der Parteienvielfalt hierzulande und deren Mangel in den USA. Dort tragen die Demokraten und Republikaner schon fast fanatische Gefechte aus um die Macht im Land. Das lähmt und schadet dem Land nicht nur in vielfacher Hinsicht, es führt zu einem zwanghaften Festhalten an Wertvorstellungen über Politikerfamilien, die längst nicht mehr den Alltag vieler Amerikaner widerspiegeln. 

Die bunte, deutsche Parteienwelt mag nicht immer einfach sein, aber sie ist ein deutlicherer Spiegel unserer Gesellschaft. Ein Spiegel unserer mannigfaltigen Interessen, Denkweisen und Familienkonstruktionen. Ich finde es spricht für uns, dass unser Land Politikern ein Privatleben zugesteht und sie nicht an der Anzahl ihrer Ehen, Altersunterschiede zum Partner oder sexuellen Orientierung misst. Sie an ihren Taten zu messen ist schon schwer genug. Eine Konzentration hierauf würde den Amerikanern gut tun. Ein bisschen gelebte Toleranz aus Hollywood importiert ins amerikanischen Privatleben ihrer ranghohen Politiker wäre auch gut.

 

Anne Connelly ist Marketingdirektorin Europa von Morningstar. Bevor sie 2001 zu dem internationalen Researchhaus wechselte war sie unter anderem bei der Fondsgesellschaft Pioneer Investments in verschieden Positionen tätig.

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  • Danke für diese, für mein Empfinden, rundum gelungene Kolumne. Die letzten haben ja etwas meiner Meinung nach daneben gegriffen. Schön aber, dass Sie die Medien-Spektakel und Blitzlichtgewitter der Traumfabrik kritisch hinterfragen und die Doppelmoral benennen. Da gefällt mir die deutsche Presse und der Umgang mit den Personen außerhalb der Regenbogenpresse doch wirklich einmal. Tadel muss sein, aber auch Lob.

  • Es geht m.E. hierbei eigentlich weniger um Toleranz, sondern um die Rolle des Privatlebens eines Politikers. Interessanterweise ist man in den USA, im Gegensatz zu anderen Teilen des oeffentlichen Lebens, hierbei sehr konservativ.

    Ich persoenlich denke, dass es eher eine Sehnsucht nach Stabilitaet ist, da man nach dem US Wahlrecht (keine Listenparteien) wesentlich mehr die Person denn die Partei waehlt. Und eine Bilderbuchfamilie gaukelt hier diese Stabilitaet vor.

    Ob man in Deutschland beim Thema Homosexualitaet generell toleranter ist, kann ich nicht unbedingt sagen. Es wird in Deutschland im positiven wie im negativen Sinne weniger thematisiert. Dies bedeutet nicht, dass Homosexuelle im Beruf oder Familienkreis mit ihrer Homosexualitaet in Deutschland offener umgehen koennen. Selbst bei meinen schwulen Freunden, die die Wahl zwischen den USA und Deutschland hatten, ist die Meinung hierzu gespalten.

    Zudem muss man natuerlich noch bedenken, dass die regionalen Gegensaetze in den USA wesentlich groesser als in Deutschland.

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