Der Ver(un)sicherer
Der moralische Absturz der Debeka

Ein großer Versicherer ist sich nicht zu schade, vom Adresshandel zu profitieren. Der Skandal zeigt: Auch bei der Debeka mussten Versicherungsvertreter vor allem eines: Verkaufen.
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Dank Debeka haben wir ihn mal wieder: Den regelmäßigen Skandal um die Verkaufspraktiken der Versicherer. Diesmal der Saubermann-Versicherer aus Koblenz, der unsere Fantasie anregt. Zugegeben, die Fantasie zeichnet nicht solche grellen und schrillen Bilder wie bei der Budapest-Affäre. Aber die Vorstellung von privaten „Schnipsel-Partys“ der Debeka-Mitarbeiter ist skurril.

Groteske Partys, bei denen die Vorgesetzten frisch erworbene Adressen an ihre Mitarbeiter verkaufen; Adressen, die auf geheimen Wegen an die Debeka gelangten. Muss man sich das so geruhsam wie eine Tupperware-Party vorstellen? Oder muten diese Treffen eher an die Praktiken eines Mehmet Göker an? Wer den einen oder anderen Manager aus Koblenz kennt, der kann sich weder das eine noch das andere wirklich vorstellen.

Faszinierend ist die Idee dieser „Schnipsel“, auf denen die Adressdaten notiert sind. Kistenweise wurden anscheinend (oder werden?) diese Schnipsel von Behörden an Debeka-Vorgesetzte und dann weiter an Mitarbeiter verhökert. Die einzelne Adresse wird so zum echten Wertpapier. Die privaten Daten der angehenden Beamten können so richtig zu Geld gemacht werden. Und das schon zu einer Zeit, als Computer noch lange kein Standardwerkzeug in der Vermittlung waren, als man in Sachen Datenschutz mehr Angst vor dem Staat hatte als vor den großen Versicherungen und Konzernen.

So plastisch wie die Debeka hat uns also noch kaum jemand vor Augen geführt, wie wichtig Datenschutz eigentlich ist. Und es zeigt auch, welche Macht die Behörden als Adressverwalter haben. Es gibt immer wieder Skandale um das Gebaren der staatsnahen Akteure, wenn es um Adressen geht.

Der Debeka-Skandal hat aber eine andere Qualität: Hier sollte gefälligst die Staatsanwaltschaft in alle Richtungen ermitteln. Es geht nicht um kleine Fehltritte einzelner kleiner grauer Beamten. Wenn die Adress-Schnipsel kistenweise verhökert wurden, dann hat das den Geruch von organisiert-kriminellem Gebaren.

Was aber gleichermaßen erschreckt: Ein großer Versicherer, sogar ein Verein auf Gegenseitigkeit, ist sich nicht zu schade, von diesem Adresshandel zu profitieren. Wie viel Geschäft der Debeka auf diese Machenschaften zurückzuführen ist, kann im Moment wohl keiner abschätzen. Ich befürchte, dass es wohl auch nie ganz aufgedeckt werden wird.

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Kommentare zu " Der Ver(un)sicherer: Der moralische Absturz der Debeka"

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  • Ich war von 1982 bis 1990 Mitarbeiter bei der Debeka. Schon damals mußten wir für diese Adressen 30 DM pro Stück bezahlen. Die haben wir gerne gekauft, weil sie uns unseren "Lebensunterhalt" garantierten. Als Angestellter haben wir damals ca. 450 DM bekommen, alles was darüber hinaus ging, mußte durch Provisionen verdient werden. Die Adressen waren zum Teil so frisch, manchmal wußten die Beamtenanwärter noch garnicht Bescheid ob sie überhaupt genommen werden, da wurden sie schon durch uns versichert. Andere Versicherer hatten da kaum eine Chance. Wenn man dann noch sieht, wie versicherungsfreudig Beamte sind, wundert es einen nicht, wie stark die Debeka dabei werden konnte.
    Peter

  • Als ehemaliger Außendienstmitarbeiter der Debeka kann ich nur ausdrücklich bestätigen, dass der festangestellte Außendienst dort sehr unter anachronistischen Gehältern und niedrigen Provisionssätzen zu leiden hat. Akzeptable Provisionen sind lediglich bei Beamtenanwärtern zu erzielen. An diese Kunden kann ein Debeka-Außendienstmitarbeiter in ausreichendem Maße (= damit es zum Überleben reicht) nur mit unkonventionellen Methoden kommen. In den sektenartigen Debeka-Verkaufsschulungen wird man einer regelrechten Gehirnwäsche unterzogen, um den Kunden etwas von einem "frommen" Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit zu erzählen. Der Debeka zugute halten kann man, dass die Produkte tatsächlich sehr gut sind. Die Kehrseite der Medaille ist, dass sich rangniedere Außendienstmitarbeiter wie unmündige Sklaven bandeln lassen müssen und auf eigene PKW-Kosten durch die Gegend fahren müssen, um Kunden zu besuchen. Auch andere Kosten sind von den Außendienstmitarbeitern zu tragen. Die Debeka-Führungsspitze sollte sich etwas schämen !

  • Sehr geehrter Herr Striezel,
    sie beschreiben einen bezeichnenden Vorgang. Es ist ja vorteilhaft für sie, wenn sie von niedrigeren Beiträgen profitieren. Es geht hier also um ihren persönlichen Profitund da sollten bei ihrer Behördenleitung die Alarmglocken klingeln.
    Als Jurist würde ich diese Vorgänge mit einem Anfangsverdacht von Korruption untersuchen.
    Sie als Beamter sollen wissen wo die dienstliche Sphäre anfängt und wo die private Sphäre anfängt. Die Debeka und andere "Beamenversicherer" haben längst jedes Maß bei ihrer Kundenbeschaffung verloren. Auch hier im Kammergericht stosse ich nahezu täglich auf diese Aktivitäten.
    Jeder Beamte der die Aktivitäten der Debeka in den Behörden verteidigt sollte sich Fragen wie dies mit seinen Dienstpflichten in Einklang zu bringen ist.

    Wir sind übereingekommen jegliche Verstöße von Beamten mit der ganzen Härte des Disnziplinarrechts zu ahnden.

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