Der Ver(un)sicherer
Die Lebensversicherer vor dem Abstieg

Fußballvereine darf jeder kritisieren, auch ohne Trainerdiplom. Bei den Versicherern ist das anders. Aus ihrer Sicht müssen Kritiker bessere Alternativen bieten, wenn sie Missstände beschreiben.
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Die eine Hälfte der Hamburger Sportfans hat es derzeit schwer. Der HSV ist ja auf dem direkten Weg in die zweite Bundesliga. Vielleicht schafft es der Traditionsverein noch auf den Relegationsplatz. Dann kann es sogar zum Duell gegen den anderen Hamburger Verein, St. Pauli kommen. Kein Wunder, dass derzeit viele Kommentatoren, Kritiker und HSV-Fans die Arbeit des bisherigen Trainers van Marwijk heftig kritisierten.

Van Marwijk und die Mannschaft mussten viel einstecken. Sie mussten sich viel herbe Kritik und Beschimpfungen anhören. Die Fans waren bitter enttäuscht. Jetzt darf Slomka (Mirko, nicht Marietta) versuchen, die Kritiker zu beruhigen.

Dabei sind die Kritiker selbstverständlich meist selbst keine Trainer, geschweige denn Profispieler. Die Kritiker erlauben sich Kritik zu üben, einfach nur aus der Tatsache heraus, dass sie sich für den Verein interessieren, dass sie Fans sind oder aber zukünftig Aktionäre des Profivereins.

Das ist schon ein seltsames Phänomen, dass die Kritiker es wagen Kritik zu üben, ohne es selbst persönlich besser machen zu können! Und derartige Kritik gibt es auch in ganz anderen Sparten! Und meist wird von den hochgerühmten Kritikern nicht erwartet, dass sie es besser könnten, egal ob bei Literaturkritikern (selbst Marcel Reich-Ranicki hat sich nicht als Prosaschaffer profiliert), Kinokritikern (es gibt keinen einzigen Film von „Kino-Knut-Elstermann“) oder bei Küchenkritikern (Wolfram Siebeck hatte nie ein eigenes Restaurant). Und genauso auch beim Fußball, wo keiner erwarten würde, dass der erboste HSV-Fan auf dem Platz jetzt als Stürmer das Ruder rumreißen könnte.

Nach Ansicht der Versicherungswirtschaft gibt es aber eine Ausnahme: Verbraucherschützer, die die Versicherer kritisieren. Die sollen gefälligst nur dann kritisieren, wenn sie die Produktentwicklung besser können. Das lese ich regelmäßig als Kommentare auf meine Kolumne (Danke zum Beispiel an Helge H. von letzter Woche) oder es wird mir auf einer Podiumsdiskussion vorgeworfen, ganz im Stile von: „Herr Kleinlein, wenn Sie immer so viel zu kritisieren haben, dann sagen Sie doch, wie man die Produkte besser machen kann!“

Das kann ich nicht. Ich kann keine Antwort darauf geben, wie man kapitalgedeckt Altersvorsorge vernünftig organisieren kann. Ich kann aber auf einige Punkte hinweisen, warum es mit den vorliegenden Angeboten nicht richtig klappt. Ich kann auch auf Ungereimtheiten und Widersprüche in den Angeboten hinweisen oder herausarbeiten, wo die Kunden mittels Intransparenz in die Irre geführt werden.

Wer verlangt, dass der Kritiker auch gleichzeitig eine Lösung präsentiert und es „besser“ können muss, der hat nicht verstanden, welche Aufgabe Kritik hat. Wer verlangt, dass der Verbraucherschutz das repariert, was die Branche verbockt hat, der hat auch nicht verstanden, dass Verbraucherschutz eben keine Produktentwicklung ist.

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Die Branche soll beweise, dass sie es kann

Kommentare zu " Der Ver(un)sicherer: Die Lebensversicherer vor dem Abstieg"

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  • Das ist wirklich unsäglicher Unsinn. § 89 VAG ist eine Spezialregelung zum allgemeinen Insolvenzrecht. In der Privatwirtschaft gibt es grds. immer insolvenzrechtliche Regelungen. § 89 VAG verhindert im Unterschied zum allg. Insolvenzrecht aus guten Gründen einen Run on the bank (first com first serve) und schafft Zeit für Regelungen, die eine Gleichbehandlung aller Kunden ermöglichen. Gleichzeitig bleibt der Versicherungsschutz erhalten. Es ist eine seit 100 Jahren geltende Regelung, die allein dem Schutz der Versicherteninteressen dient. Ich empfehle einfach mal juristische Kommentare zum Sinn und Zweck der Vorschrift statt unnütze Panik zu schüren.

    Auf § 89 VAG weisen gerne Leute hin, die Kunden verleiten wollen, ihre Verträge zu kündigen, um statt dessen bei ihnen, etwa Kaliber der Pleiteunternehmen S&K oder Infinus AG zu investieren und dort ihr Geld tatsächlich zu verlieren. Die restliche Ausführungen sind lächerliche Verschwörungsphantasien. Ich unterstelle mal, dass „Anleihespezialist“ bezahlt wird von dem unseriösen Teil der Lebensversicherungsaufkäufer, über die BILD kürzlich berichtet hat: Lebensversicherung weg, Aufkäufer weg, Geld weg.

  • "VAG und den § 89 aufklären"

    Guter Vorschlag!

  • "Die Versicherungswirtschaft zockt mit ihren Altersvorsorgeprodukten die Massen ab, dass sich die Balken biegen. "

    Finde ich auch.
    Jede Bank erteilt in regelmäßigen Abständen eine Kontoabrechnung, aus der hervorgeht, was hinzu gekommen ist und was wegen was abgezogen wurde. Nicht so die Versicherungen unter der Aufsicht der BaFin.

    Weshalb misst die Finanzaufsicht mit unterschiedlichem Maß, ohne dass der Verdacht des Lobbyismus in die Waagschale geworfen wird?

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