Dutschke spricht
Der Beste, um gut genug zu verlieren

Peer Steinbrück ist ohne Zweifel der aussichtsreichste Kandidat der SPD-Troika. Aber ob er das Ruder rumreißen kann, ist fraglich. Ob er im anderen Fall die Arbeit unter Merkels Führung ablehnt, bleibt abzuwarten.
  • 4

Durch seine hanseatisch-trockene und bisweilen großbürgerlich-arrogante Art, Wirtschafts- und Finanzthemen zu kommunizieren, ist Peer Steinbrück in der Lage, CDU- und FDP-Sympathisanten im großen Stil für die SPD zu öffnen. Ob sie ihn dann aber auch tatsächlich wählen, ist allerdings offen. Darauf wird es ankommen müssen, wenn Steinbrück Kanzler werden will. Die Umfragen sehen nicht gut aus. Das rot-grüne Lager dümpelt bei ungefähr 40 Prozent herum. Die ewige Kanzlerin sitzt fest im Sattel. Im Moment sieht es so aus, als liefe alles auf eine große Koalition hinaus – natürlich mit Peer und Konsorten am Kindertisch. Wenn es wirklich für Rot-Grün reichen soll, muss uns Steinbrück noch viel mehr seiner verborgenen Talente zeigen und gleichzeitig aufpassen, dass er für viele SPD-Stammwähler aus dem linken Lager nicht mit flapsigen Bemerkungen zur Reizfigur wird.

Steinbrück hat zwei Dinge, die entscheidend dafür waren, dass er sich gegen Steinmeier und Gabriel durchsetzen konnte: Ihm wird sehr große Kompetenz in Sachen Euro- und Finanzkrise zugeschrieben. Und er hat Charisma. Gerade in diesen zwei Dimensionen schwächelt die Kanzlerin. Damit könnte er ihr tatsächlich gefährlich werden. Vor einigen Jahren war ich bei einer Kulturveranstaltung, auf der Steinbrück, damals im Amt des Bundesfinanzministers, mit heftiger Inbrunst im Rollenspiel als Martin Heidegger schwülstige Liebesbriefe an Hannah Arendt vorgetragen hat. Der Saal lauschte gebannt und war fasziniert von der künstlerischen Leistung des sonst so bürokratischen Politikers. Diese Episode veranschaulicht Steinbrücks einnehmende Aura und die Art, wie er jedwede Veranstaltung zur Bühne für seine Sache machen kann. Er macht auch in Diskussionen mit Thilo Sarrazin oder Helmut Schmidt (eine zugegebenermaßen ungleiche Aneinanderreihung) eine gute Figur.

Doch der Kandidat Steinbrück hat auch Nachteile. Und was für welche. Obwohl er vor kurzem einen Vorschlag zur Zähmung von Banken vorgelegt hat, ist er nicht in der Lage, den linken Flügel der SPD zu begeistern. Linke Genossen halten ihn für zu konservativ und wirtschaftsliberal. Und Recht haben sie. Steinbrück tritt nicht für die Sorgen der kleinen Leute ein. Ihm geht es nicht um Mindestlohn, Hartz IV-Reform oder Steuergerechtigkeit. Ihm geht es immer um die ganz große weltpolitische Lage. Damit wirkt er fern von der Realität vieler Genossen. Im Vergleich zu Gerhard Schröder fehlt ihm die kumpelhafte Ausstrahlung. Mit Schröder konnte man sich stets vorstellen, ein Pils in der Eckkneipe zu trinken und dabei zu palavern. Bei Steinbrück stellt man sich eher einen schicken Tisch im Borchardt vor, auf dem zu viel Besteck liegt und der Weißwein teuer ist. Ein ungezwungenes Gespräch entsteht hier nicht, eher eine Lehrstunde von Professor Steinbrück. Mit diesem Bild gewinnt man natürlich weder die SPD-Linke noch Wähler anderer linker Parteien.

Als Juniorpartner von Mutti Merkel möchte Steinbrück nicht wieder arbeiten müssen. Unter Kanzler wird es für ihn nicht laufen. Dafür braucht er aber neben den Grünen noch einen weiteren Koalitionspartner. Die Linke scheidet natürlich aus. Die Piraten auch, und ob die überhaupt reinkommen, ist momentan ja höchst fraglich. Für Kanzler Steinbrück bleibt also nur die gute alte FDP. Damit könnte es dann ganz knapp zur Mehrheit reichen. Aber nach der jetzigen Koalitionserfahrung kann ich nur sagen, dass man sich mit der FDP auch immer gleich ganz viel Ärger und Streit an Bord holt.

Steinbrück ist der beste der drei Kandidaten. Aber ob er das Ruder rumreißen kann, ist fraglich. Vielleicht ist er nur der Beste, um gut genug zu verlieren, um nicht das Gesicht zu verlieren. Ob er dann wirklich die Arbeit unter Merkels Führung ablehnt, bleibt abzuwarten. Schließlich ist auch er ein Alphatierchen erster Güte, der sich gern jeden Tag in der Tagesschau sieht. In diesem Sinne: Peer, du hast keine Chance, nutze sie!

Kurz und schmerzhaft: alle Kolumnen

Kolumnenkabinet

Kommentare zu " Dutschke spricht: Der Beste, um gut genug zu verlieren"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Steinbrücks Ablenkungsmanöver

    Peer Steinbrück will Kanzler werden - und das mit klaren Worten: Schuld an der Finanzkrise sind die Banken und da muss etwas gemacht werden, der Staat mit harten Bandagen agieren. Dumm nur, dass einige Fehlentwicklungen auch auf Steinbrücks Konto gehen.
    Und in diesem Stück über Krisen-Verursachung und Krisen-Verantwortung spielt auch Peer Steinbrück selbst eine herausragende Rolle. Nein, nicht als Opfer gieriger Finanzmärkte, das sieht vielleicht er so, sondern als Mittäter. Zunächst als nordrhein-westfälischer Wirtschaftsminister, dann als Ministerpräsident des Landes und schließlich als Bundesfinanzminister. Die Fehler der öffentlich-rechtlichen WestLB sind auch unter seiner Aufsicht gemacht und nicht verhindert worden, und aus Steinbrücks Bundesfinanzministerium ergingen noch unmittelbar vor Ausbruch der amerikanischen Immobilienkrise Signale und eindeutige Anregungen an die Adressen deutscher Kreditinstitute, sich doch bitte verstärkt in verbrieften Hypothekenanleihen zu engagieren; törichte Banken, die diesem Rat folgten, wie beispielsweise die IKB unter der staatlichen Aufsicht von Ministerialdirektor Jörg Asmussen aus dem Bundesfinanzministerium, mussten dann später wegen dieser Anlagen mit staatlichen Milliarden gerettet werden.
    Aus Steinbrücks Finanzministerium kamen zudem auch Anregungen, es doch bitte mit den Regulierungsvorschriften im Bankenwesen nicht allzu streng zu nehmen. Das Ergebnis ist bekannt.
    Der gegenwärtige Kanzlerkandidat der SPD hätte also Grund genug, sich einsichtig und demütig einzureihen in die Schar der Verantwortlichen für die aktuellen Fehlentwicklungen auf den Finanzmärkten, doch offenbar setzt Herr Steinbrück lieber darauf, mit aggressivem Sarkasmus andere an den Pranger zu stellen und die eigenen Fehler höchstens zur ironischen Fußnote verkommen zu lassen. Glaubwürdigkeit gewinnt man anders.

    Fazit: Steinbrück ist und bleibt ein Laberkopp, der sich selbst gerne Unsinn reden hört.

  • ich will doch sehr hoffen, dass diese Flasche leer NICHT Kanzler(darsteller) wird. Dann würde es für "den kleinen Mann" noch viel schneller abwärts gehen als bei Mutti.

  • Charisma wäre schön, übersteigertes Ego trifft wohl eher zu. Ob man es Kompetenz nennen kann, wenn er auf die Darlegung komplexer Zusammenhänge seinen Zuhörern gegenüber verzichtet, scheint äußerst fraglich. Zweifellos ist Steinbrück jedoch der einzige deutsche Politiker, der die komplizierte Politik mit einfachen Worten erklären kann und trotzdem nicht verstanden wird. Damit bekommt er in erster Linie die Wählerstimmen derer, die nicht mal einen gültigen Stimmzettel abgeben können. Zudem fragt man sich, was von ihm übrig bleibt, wenn er vor lauter Kanzlerschaft seine Bäuerchen nicht mehr machen darf. Ein aufgeblasener Wichtigtuer, der immer schon wieder weg ist, bevor die anderen seine Anwesenheit bemerkt haben.
    Das einzige Gute an der Nominierung Steinbrücks ist, dass wegen demnächst absoluter Mehrheit der CDU, die FDP auch nicht mehr gebraucht wird.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%