Dutschke spricht
Die Revolutionäre sind entlassen

Warum jüngere Menschen keinen Bezug zum Jahrhundertereignis Mauerfall haben.
  • 6

Am kommenden Mittwoch jährt sich der Fall der Mauer zum zweiundzwanzigsten Mal. Was wird geschehen?

Wie in jedem Jahr wird uns Wolfgang Thierse (unser bundesdeutscher „Ossibär“) sagen, dass die friedliche Revolution eine tolle Sache gewesen ist, und Gesine Lötzsch wird andeuten, dass nicht alles in der DDR schlecht war. Angela Merkel wird sich wie immer dezent zurück halten, und Klaus Wowereit wird irgendwo in Berlin eine Partymeile eröffnen. Natürlich werden auch alle offiziellen Redner nicht vergessen zu erwähnen, dass wir Deutschen an diesem Tag nicht nur an schöne Ereignisse erinnern. Eigentlich sollten wir ja gar nicht feiern. 

Bei solcher Festtagsmisere ist es kein Wunder, dass jüngere Menschen keinen Bezug zum Jahrhundertereignis Mauerfall haben. Im Ernst, mit den üblichen Festtagsprotagonisten ist kein junger Mensch zu begeistern, weder im Osten noch im Westen.

Der einzige Bezug, den die meisten Westdeutschen zur Wende haben, ist die Abbuchung des Solidaritätszuschlags von ihren Löhnen. Allein im vergangenen Jahr haben deutsche Haushalte wieder mehr als elf Milliarden Euro für die Kosten der Einheit dem Fiskus überwiesen.

Der neunte November muss nicht nur an Bedeutung gewinnen, er muss auch eine gesamtdeutsche Komponente bekommen außerhalb der reinen finanziellen Dimension. Denn, wenn wir ehrlich sind, ist bei den älteren Jahrgängen die typische „Wessi“-Perspektive stark vom Ärgernis über die Kosten geprägt und die „Ossi“-Perspektive mit Frust über die wirtschaftliche und soziale Abhängung ihrer Regionen verbunden. Die Hoffnungen auf beiden Seiten, dass überall blühende Landschaften entstehen, waren nicht mit der Wirklichkeit vereinbar. Und sie sind es bis heute nicht.

Die Zeit ist gekommen, eine neue Wende zu vollziehen. Die Deutungshoheit und Meinungsmache muss jetzt von jüngeren Generationen übernommen werden. Dieselbe Notwendigkeit war auch in der Debatte über die Achtundsechziger vor ein paar Jahren zu erkennen. 2008, im Jubiläumsjahr, haben der Politikwissenschaftler Gerd Langguth (1970 bis 1974 Bundesvorsitzender des RCDS)  und der Historiker Wolfgang Kraushaar (1974/75 Vorsitzender des AStA in Frankfurt), obwohl sie selbst Protagonisten von damals waren, sich selbst zum Richter der Studentenbewegung ernannt.

Einstige Akteure der revolutionären Bewegung sind eigentlich die falschen, um das Gedenken den jüngeren Generationen näher zu bringen. Sie können uns gerne erzählen, was damals passiert ist, aber sie sollen sich endlich abgewöhnen, uns zu erklären, welche Gefühle wir zu diesem Ereignis haben sollen.

Nach 22 Jahren Mauerfall gibt es nun auch viele neue Protagonisten, gerade im Osten. Für jüngere Generationen ist die Zeit in der DDR zwar nicht mehr großer Teil ihres Lebens gewesen. Die Zäsur von 1989 ist aber doch maßgeblich prägend für das Leben danach, mag es beruflich oder privat sein. Diesen Stimmen gehört der neunte November.

Es ist schon traurig, dass sich die Berliner Abendschau (die früher das Flagschiff des Senders Freies Berlin war) in diesem Jahr damit begnügt, jeden Abend zwei Karten für das Udo Lindenberg Einheitsmusical „Hinterm Horizont“ zu verlosen. Die Bilder aus Berlin vom 9. November 1989 sind bewegend und sogar herzzerreißend schön. Menschen aus Ost und West, mit gebleichten Jeansoveralls und Vokuhila, stehen auf der Mauer, liegen sich in den Armen und rufen „Wahnsinn“.

Diesem großartigen Jahrhundertereignis werden wir nicht gerecht, wenn Wolfgang Thierse, Gesine Lötzsch und Udo Lindenberg als die Zeremonienmeister den Ton angeben.

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Zuletzt war Marek Dutschke an der Hertie School of Governance und am John F. Kennedy Institut der Freien Universität Berlin tätig.

Kurz und schmerzhaft: alle Kolumnen

Kolumnenkabinet

 

Kommentare zu " Dutschke spricht: Die Revolutionäre sind entlassen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Gut gebrüllt Löwe: Die geschichtliche Dimension dieses Ereignisses kann jedoch von der Öffentlichkeit nicht eingeordnet werden, weil seit mehr als 3 Generationen den deutschen Kindern ein Geschichtsbewusstsein über die unselige 12-jährige Nazizeit hinaus, verweigert wird. Die mehr als 2tausendjährige deutsche Geschichte wurde konsequent ausgeschaltet, um eine Scham- und Demutshaltung dauerhaft zu installieren. Macht lässt sich leichter gegen einen entwurzelten Deutschen ausüben, als einen selbst- und geschichtsbewussten Denker. Die Realität ist, dass jedes Volk seine nationale Geschichte pflegt (Frankreich verehrt bis heute den Kriegsverbrecher und Völkermörder Napoleon). Ein deutsches Volk ohne Bewusstsein für seine Wurzeln ist der Willkür machtgeiler Hegemonialstrategen wie Sarkozy hoffnungslos ausgeliefert. Geschichte wiederholt sich doch.

  • Der Abschnitt endet aber nicht mit o.g. Satz. Beide Sätze zusammengenommen impliziert das, was die deutsche Presse mitunter "unter den Tisch" zu fallen bereit ist, um den Graben, den sie in den Herzen von vielen Alt- und auch Neubundesbürgern mal eben aufgerissen hat, womöglich nicht noch zuzuschütten.
    Nennen Sie mich haarspaltend, aber fragen Sie einmal auf altbundesdeutschen Straßen die arbeitende Bevölkerung, wer den Soli trägt ... Es brauch gewiss keine Kristallkugel, um das Ergebnis vorherzusagen.
    Übrigens ... mein VWL-Professor hat das seinerzeit auch nicht gewusst.

  • Ich habe geschrieben: "Der einzige Bezug, den die meisten Westdeutschen zur Wende haben, ist die Abbuchung des Solidaritätszuschlags von ihren Löhnen." Ich habe nie behauptet, dass die Ostdeutschen den Solidaritätszuschlag nicht zahlen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%