Dutschke spricht
Helden braucht das Land

Es hat eine verheerende Wirkung, wenn wir den Investmentbanker als neuen Leitwolf unserer Gesellschaft verstehen. Trotz der Folgen der Finanzkrise hat diese Berufsgruppe nichts dazu gelernt.
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Am Mittwoch hat Greg Smith, ein Derivatehändler von Goldman Sachs, seine Kündigung eingereicht. Er beklagte öffentlich, dass die Kultur des Profitmaximierens zu Lasten der Kunden geht. In einem Meinungsartikel in der New York Times schreibt er, dass es bei Goldman Sachs nur noch darum geht, wie man möglichst viel Geld an den Geschäften mit ihren Kunden verdienen kann und nicht, wie man Klienten richtig berät.

Klienten werden so zu Aktienkäufen gedrängt, die eigentlich nicht in ihrem Interesse sind und die nur dazu dienen, möglichst viel für Goldman Sachs abzuwerfen. Natürlich könnten wir diese moralische Empörung als Frust eines mittleren Managers abtun, der nach zwölf Jahren in der Firma nicht richtig nach vorne gekommen ist und „nur“ 500.000 Dollar im Jahr verdient. Vielleicht denkt er wirklich, dass er durch seine öffentliche Auseinandersetzung mit Goldman Kapital schlagen kann – als Gast im Kabelfernsehen oder mit einem provokativen Buchtitel.

Doch ich bin mir sicher, dass es stimmt, was er beklagt. Er wird auch nicht der einzige Mitarbeiter bei Goldman sein, der so denkt - nur der einzige, der es öffentlich ausspricht. Trotz der Folgen der Finanzkrise haben die Investmentbanker nichts dazu gelernt. Von Demut und Zurückhaltung keine Spur.

Es geht ihnen nach wie vor ausschließlich darum, wie viel Geld in die Kasse kommt. Moralische Überlegungen spielen keine Rolle. Wahrscheinlich würde Goldman Sachs auch heute wie damals bei den EU-Beitrittsverhandlungen die finanziellen Dokumente der Griechen wieder manipulieren.

Die Politik hat die Möglichkeit verpasst, eine nachhaltige Umerziehung durchzusetzen. Sie hätten im Nachgang der Bankenrettung eine Deckelung der Manager-Boni und weitere Mechanismen einführen können, um die Profitgier einzudämmen.

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Kommentare zu " Dutschke spricht: Helden braucht das Land"

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  • Ausgezeichnet. Hat übrigens auch schon Arno Schmidt vorgeschlagen, daß vor der Erteilung des Wahlrechts, die Bildung bis zu einem gewissen Punkt beurkundet sein sollte. Die, die sich in ihren Repliken gleich der vermuteten Massenmeinung (in der Furcht vor möglicher falsch verstandener Ausgrenzung) andienen, dürfen gerne einmal darüber sinnieren, wieviel Aufklärung und Bildung denn vor 70 Jahren g e f e h l t haben könnten. Ich denke es ist unstrittig, daß das Verhalten der Masse von einer gewissen Unaufgeklärtheit geprägt gewesen sein könnte.

    Kuscheln und wir sind alle gleich hilft leider überhaupt nicht weiter. Und bitte differenzieren: Ja alle sind gleich, aber die, die gestaltenden Einfluß auf die Geschicke unserer Gesellschaft haben und dazu gehören glücklicherweise auch alle Wahlberechtigten, müssen einen Nachweis darüber erbringen, daß sie das auch können.

    Wie lehhreich die Geschichte im Punkt "Masse" sein kann, liest sich kurzweilig und spannend in Elias Canettis "Masse und Macht"

  • Ich selbst kenne durch langjähriges Arbeiten in diesem Bereich das Geschäft aus dem FF. Tatsache ist, daß die Investmentbanken schon seit mehr als 15 Jahren ihre "geschäftliche Ethik" fast gänzlich über Bord geworfen und und die Mehrheit der Kunden nicht mehr als Klienten, sondern ausschließlich als Melkkühe für die Share Holder Value angesehen haben.

    Das brachte zwar erst die "richtigen Gewinne", beeinträchtigte aber gleichzeitig das Verhältnis untereinander - und zwar äußerst negativ. Die Erfahrung der Kunden, daß sich dieses neue Geschäftsverständnis schnell bei allen Instituten breit machte, machte die Anleger mehr zu einer Beute, als zu einem gut und verantwortungsvoll betreuten Klienten.

    Aber auch die Kunden der Institute tragen an diesem Verhalten ein gerütteltes Maß an Schuld: Sie verlangten ständig steigende Renditen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, daß solche Gewinne einfach nicht mit einem "normalen Tagesgeschäft" zu erzielen sind - es war ihnen schlicht egal.

    Trotzdem hätte sich die Investmentbranche nicht auf diese teilweise höchst kriminellen Geschäfte einlassen dürfen. Sie gingen diese Risiken fast blind ein, obwohl sie um deren Folgen wußten. Für mich gehören Teile vieler Vorstände deshalb auch heute noch eher in den Knast, als in die Geschäfsführung vieler Investmentfirmen und Banken.

    Aber eines möchte ich doch klarstellen, Herr Dutschke: "Den Investsmentbanker" gibt es eben so wenig wie "den Deutschen" oder "den Katholiken". Das Fußvolk ist überall immer nur "so gut" wie die Führung, die ihnen vorsteht. Da können Sie ansetzen, nicht bei der Masse der Mitarbeiter.

  • Nochmals, die Banken wurden per Gesetzt gezwungen auch kreditunwürdigen Personen Kredite zu geben. Die Banken, auch die Wall Street, sind dagegen gewesen. Und wer dem Gesetz nicht folgte wurde durch die Gerichte dazu gezwungen. Und mit solchen Prozessen hat Obama ein Vermögen gemacht.

    Solche Machenschaften sind natürlich in Deutschland Gott sei dank nicht möglich. Hier erfolgt immer noch eine Prüfung der Kreditwürdigkeit.

    Das zu verstehen sollte doch nicht so schwer sein. Aber wenn man diesen Gutmenschen die folgen ihres Tuns vorhält, dann wollen die von allem nichts mehr wissen.

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