Dutschke spricht
Reiche rein, Arme raus

Gegen die Verdrängung Armer durch die Reichen in schönen Stadtvierteln kommt die Politik kaum an - durch die Steuerpolitik begünstigt sie die Gentrifizierung eher noch.
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Viele Menschen träumen vom Einfamilienhaus mit großem Garten in der Vorstadt oder von einer ausgebauten Dachgeschosswohnung in der Innenstadt. So billig wie momentan waren Kredite kaum jemals zu bekommen. Und da man sein Geld gerade sowieso nirgendwo sonst gewinnbringend anlegen kann, stehen Immobilienkäufe ganz hoch im Trend. In Deutschland wird gebaut und saniert was das Zeug hält. An sich ist das nichts Schlimmes. Allerdings haben die Deutschen andere Präferenzen als noch vor einer Generation. Der Traum vom Häuschen auf dem Land ist passé. Heutzutage muss das Eigenheim in unmittelbarer Nähe zu einer attraktiven Großstadt beziehungsweise die Eigentumswohnung in einem trendigen Innenstadtbezirk liegen.

Die vormals grünen Speckgürtel deutscher Großstädte verlieren damit vermehrt ihren „grünen“ Charakter, die Natur wird verdrängt. In den Innenstädten kommt es zu einem Phänomen, über das gerade viel gestritten wird, der Gentrifizierung. Durch die Umwandlung von Miets- zu Eigentumswohnungen werden oft die alteingesessenen Mieter gezwungen, ihre Wohnungen zu verlassen. Sie können sich den „Top-sanierten Luxusaltbau mit flexiblen Grundrissen und Dachterrasse“ einfach nicht mehr leisten.

Im Samariterkiez in Berlin-Friedrichshain, einer Art neuem Prenzlauer Berg, ist die Gentrifizierung gerade in vollem Gange. Das letzte besetzte Haus wurde jüngst geräumt, die Bio Company ist schon da und auf dem sonntäglichen Samariterkirchenbasar tummeln sich Latte Macchiato schlürfende Muttis und ihre Kleinkinder. Im Norden des Kiezes werden momentan hundert Townhouses auf dem Gelände eines alten Schlachthofs fertig gestellt. Nun findet man zwischen den Hartz IV-Empfängern und Punks mit Hunden immer mehr bürgerliche Kleinfamilien.

Das strahlt auf den ganzen Kiez hinaus. Überall wird saniert und jede Brachfläche ist mit einer Bauankündigung versehen. Der Mietspiegel steigt dramatisch, was natürlich zu einer Verdrängung der sozial Schwächeren führt. Die meisten der Zugezogenen wollen diese Verdrängung nicht, sondern finden die Mischung in der Bevölkerungsstruktur an sich reizvoll. Oft sind sie Wähler der Grünen und der SPD (oder seit neuestem der Piraten) und haben sogar ein schlechtes Gewissen, dass sie sich das leisten können, während andere das nicht können.

Kommentare zu " Dutschke spricht: Reiche rein, Arme raus"

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  • @Anon gegen vielseitige Kommentare ist ja nichts einzuwenden. Aber gegen Einfältige schon ...

  • Mich wundert es immer wieder, dass sich die Berliner über den Zuzug von süddeutschen Studenten ärgern. Eigentlich sollten sie doch froh sein, dass sie so wenigstens ein kleinen Brocken von der Wirtschaftskraft des Südens abbekommen.
    Aber mal ehrlich: Gentrifizierung bedeutet doch dass die wirtschafliche Leistungsfähigkeit eines Stadtteils zunimmt. Neue Jobs werden geschaffen, die Einkünfte die durch diese und durch bestehende Job erwirtschaftet werden steigen aufgrund der höheren Preise und damit verbunden steigen auch die Steuereinnahmen. Mit den steigenden Einnahmen stehen auch mehr Mittel für Bedürftige zur Verfügung. Ich kann wirklich nicht sehen wo das Problem daran liegt - aber vielleicht ist das einfach auch nur Neid ...

  • ich fände es "arm" wenn nur einseitige Kommentare zugelassen würden.

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