Walter direkt
Schwundregion Europa

Mieses Wachstum, immer mehr Arbeitslose und eine zerbrechliche Bankbranche, Europa macht aus globaler Perspektive alles andere als eine gute Figur. Das müssen wir ändern, wenn wir die Krise überwinden wollen.
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Es scheint so, als habe sich die Euro-Zone aus der akuten Gefahrenzone vorerst heraus „gewurstelt“. Bei all dem hektischen politischen Trara um Rettungspakete, Konjunktursorgen oder Kaputtsparen haben wir aber vor lauter Aktualität die langfristigen Perspektiven Europas aus dem Blick verloren.

Die sehen alles andere als rosig aus. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, Europa und insbesondere die Euro-Zone sind keine Wachstums-, sondern vielmehr Schwundregionen. Der Anteil Europas an der globalen Wirtschaftsleistung ist in den vergangenen zehn Jahren um mehr als ein Fünftel auf unter 19 Prozent gesunken. Es fehlen Millionen Arbeitsplätze, um vor allem jungen Menschen in den Krisenländern eine wirtschaftliche Perspektive bieten zu können. Nicht im Ansatz ist erkennbar, wie die europäischen Politiker auf diesen Abwärtstrend zu reagieren gedenken.

Der weltgrößte Fonds-Anbieter, Pimco, hat diese europäische Misere in einer aktuellen Studie sehr treffend zusammengefasst: Europas Bilanz sei von Abwärtsrisiken dominiert. Wachstum werde künstlich gefördert und von der Notenbank werde Finanzstabilität erkauft. Mit anderen Worten: Nichts ist eigentlich so, wie es sein sollte.

Daraus kann man nur eine Schlussfolgerung ziehen, Europa steht an einem Scheideweg. Machen wir weiter wie bisher, „retten“ wir uns höchstwahrscheinlich von einer Krise zur nächsten. Oder aber es gelingt uns in Europa, das System vom Kopf auf die Füße zu stellen. Wir müssen vom künstlichen Wachstum auf ein nachhaltiges, stabiles Wachstum umschalten, die sozialen und geopolitischen Risiken überwinden und die Dysfunktionalität der europäischen Politik beseitigen.

Wie auch immer die Politik diese Aufgabe angehen will, offensichtlich ist, was die europäische Finanzindustrie dazu beitragen könnte. So richtig der Satz ist, dass gesunde Banken einen wichtigen Beitrag zu einer wirtschaftlichen Erholung oder gar Runderneuerung liefern können, so richtig ist auch, dass die europäischen Banken weit entfernt davon sind, insgesamt als gesund bezeichnet werden zu können.

Eine Konsequenz der Angst vor einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone ist, dass bei den Banken statt eines Aufbruchs nach Europa sogar eine starke Gegenbewegung in Richtung Heimatmarkt entstanden ist – im angelsächsischen Sprachgebrauch Re-Domestication genannt. Gemeint ist damit, dass sich die großen Banken geschäftlich zunehmend hinter ihre nationalen Grenzen zurückziehen.

Kommentare zu " Walter direkt: Schwundregion Europa"

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  • H. Walter - ex Vorstand der DreBa -- will mal wieder Grossbanken noch groesser machen - also "too big too fail".

    Hatten wir doch schon die Politik dazu draengen mehrer "nationaler Champions" mit internationalem Format hochzuechten/fusionieren (DreBa und CoBa).

    Genau das GROSSBANKENTUM ist DAS PROBLEM.
    Kleine Sparkassen, die noch der Wirtschaft dienen, Kredite vergeben brauchen wir -- und KEINE globalen Gross-Zocker am virtuellen Derivatenmarkt.

  • @ Eddie, die Euro-Sockenpuppe

    Zitat : Die europaeische Bevoelkerung will mehrheitlich ein starkes Europa

    - der nächste Labberer. Entziffern Sie mal...wer ist europäische Bevölkerung ( und wie kommen Sie dazu, im Namen dieser Bevölkerung zu sprechen ).....und was ist ein starkes Europa....?

  • Fragt die Henne das Ei, wo es denn herkommt... Es hat natürlich schon mit der Nicht-Existenz der Bankenunion zu tun, dass sich die Banken in den Heimmarkt zurückziehen: weil nämlich die Bedingungen zwischen national und EU-weit noch zu unterschiedlich sind. Will man einen EU-weiten Bankenmarkt, muss man das beheben.

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