Walter direkt
Wie Pech und Schwefel

Staaten und Banken müssen gemeinsam das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen
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Bis vor kurzem galten Staatsanleihen der Industrieländer als absolut sichere Anlage; sie bekamen die bestmögliche Bewertung von den Rating-Agenturen, den begehrten Triple-A-Status und in den Augen der Investoren waren sie der Inbegriff der so genannten risikolosen Anlage. Deshalb kauften konservative Rentenfondsmanager diese Papiere gern, denn wenn sie Ausfallrisiken tolerierten, riskierten sie auch ihren Job.

Jetzt müssen wir eingestehen, dass die aktuelle Schuldenkrise eine Zeitenwende markiert. Jahrzehntelang haben Investoren trotz permanent steigender Staatsschulden der Sicherheit und Liquidität der Staatsanleihen vertraut. Die Krise zeigt, dass dieses Vertrauen nicht gerechtfertigt war.

Staatsanleihen sind nicht sicher, wie das Beispiel Griechenland zeigt. Schon gar nicht sind sie - unabhängig von der Marktsituation - jederzeit liquide, wie die gewaltige Menge an italienischen, spanischen und anderen Staatsanleihen der Euroländer auf den Konten der Europäischen Zentralbank beweist. Die hat die EZB für rund 200 Milliarden Euro nämlich nur gekauft, weil niemand anderes sie kaufen wollte.

Man kann es drehen und wenden wie man will, das schöne Attribut „risikofrei“ wird für die Schuldtitel der Industriestaaten nicht wieder zu einer Selbstverständlichkeit, sondern viel mehr zu einem Wunschbild.

Die Neubewertung der Qualität der Staatsschulden durch die Ratingagenturen kann durchaus als eine Parallele zur Entwicklung der Bonität der Kreditinstitute gesehen werden. Noch vor gut zwanzig Jahren schmückten sich die großen internationalen Geschäftsbanken mit dem Triple A . Heute gibt es das fast nicht mehr. Wahrscheinlich wird das Triple-A für all diese Häuser auf ewig ein Traum bleiben.

Dafür spricht auch eine simple Erfahrung aus den vergangenen fünfzig Jahren. Berechnungen der Rating-Agenturen zeigen, dass – alles in allem - die Wahrscheinlichkeit, eine Bonitätsstufe zu verlieren, etwa zehnmal größer ist, als die, sich um eine Bonitätsstufe zu verbessern. Bei den Ratings ist es also in etwa so wie beim Boxen. Werden Champions besiegt, heißt es „they never come back“- sie kehren nie an die Spitze zurück.

Ein Blick auf die langfristige Entwicklung der Bonitätsbewertung der OECD-Länder scheint diesen Spruch zu bestätigen. In den sechziger Jahren besaßen die 20 Gründungsmitglieder der OECD bis auf wenige Ausnahmen das beste Rating. Heute, bei einem auf 34 Länder erweiterten Mitgliederkreis, haben nur noch elf Staaten die höchste Bonitätsstufe, und einige von ihnen sind zudem arge Wackelkandidaten.  Das heißt, der langfristige Trend der Rating-Anpassungen nach unten wird sich bei Staatspapieren aller Wahrscheinlichkeit nach fortsetzen.

Wer dabei berücksichtigt, dass allein auf Grund der immer älter werdenden Bevölkerung  in den Industrieländern die Anforderungen an die Sozialetats gewaltig ansteigen werden, sieht kaum noch einen Silberstreif am Horizont. Wie soll diese Herausforderung ohne erneuten Griff in den staatlichen Schuldentopf gemeistert werden? Und: Wer würde diese Papiere kaufen? Die Banken?

Wohl kaum, wenn man sie fragte. Dafür versuchen die europäischen Regulierer mit einigen durchaus fragwürdigen Bestimmungen, die Banken zur Finanzierung der Staatsschulden zu verpflichten.  Bis heute sieht eine europäische Direktive vor, dass der Kauf von Staatsanleihen der Euroländer – anders als zum Beispiel von Unternehmensanleihen – von den Banken nicht mit Eigenkapital unterlegt werden muss. Ein weiteres Beispiel: Um gegen künftige Turbulenzen an den Märkten besser gewappnet zu sein, sollen die Banken einen hohen Liquiditätspuffer vorhalten. Der aber soll zum größten Teil aus staatlichen Schuldtiteln bestehen, also aus Papieren, die sich in der aktuellen Krise nicht gerade durchwegs als krisenresistent erwiesen haben.

Das zeigt eines ganz deutlich: Staat und Bank hängen zusammen wie Pech und Schwefel. Sie müssen jetzt gemeinsam Wege finden, mit denen das Vertrauen der Investoren zurückkehrt und dann darauf setzen, dass auch eine feste Regel nicht immer gilt. Floyd Patterson und Muhammed Ali sind immerhin zwei, die zurückgekommen sind. Aber das waren auch wahre Champions.

Herbert Walter, geboren 1953 in Prien am Chiemsee, führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank. Seine Karriere startete er nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre in München bei der der Deutschen Bank.

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Kommentare zu " Walter direkt: Wie Pech und Schwefel"

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  • Lieber Bürger,

    das sehe ich anders. Politiker sind keineswegs bloß Statisten, sie erzeugten und erzeugen weiterhin erhebliche Probleme. Mangelnde Sachkenntnis und Unfähigkeit paart sich bei ihnen mit Überheblichkeit und mit hemmungslosen Machtgelüsten.

    Ich will keineswegs die Finanzsysteme und ihre Akteure in Schutz nehmen; da wurde viel Mist verzapft. Es wäre aber Aufgabe der Politik gewesen, schon viel früher sachgerechte Regeln aufzustellen. Statt dessen haben Regierungen tatenlos zugeschaut und sogar schändliches Treiben noch gefördert (Immobilienblase USA als nur ein Beispiel).

  • Lieber Ernst,

    das finanzielle Risiko von staatlichen Schuldverschreibungen liegt bei den Banken und das Risiko von Staatsanleihen liegt bei den Inverstoren. Denn Staaten können schuldnersich nicht in die Hafung genommen werden. Das weiß jeder Banker. Ach wird keine Bank gezwungen, brisante Schuldscheine anzunehmen. Und kein Banker, der etwas von seinem Handwerk versteht, würde in seinen kühnsten Träumen je auf die Idee kommen, irgendein Staat würde je Schulden mit realem Geld bezahlen. Staaten "tilgen" Schulden und „zahlen“ Zins und Zinseszins mit neuen Schuldverschreibungen. Das ist alles kein Problem bei Staaten mit gesunder Volkswirtschaft. Denn deren Staatsanleihen gehen bei den Banken weg wie warme Semmel.

    Hier kommen die Ratingagenturen ins Spiel. Jetzt soll uns dummen Otto-Normalbürgen glauben gemacht werden, Ratingagenturen hätten kürzlich erst "bemerkt", dass Anleihen von USA, Griechenland, Irland, Italien, Frankreich , ... "plötzlich" nicht mehr lukrativ sind? Da lachen doch die Hühner. Ein Schelm wer da den Versuch ahnt, dem Duzfreund Bankenwelt ein Alibi für hochbrisante Geschäfte in der Vergangenheit zu liefern. Ich bin fest davon überzeugt, dass jahrzehntelang wissentlich Handel mit hochriskanten Staatsanleihen betrieben wurde und jetzt ist man ihnen von Investorenseite auf die Schliche gekommen. So wie jahrzehntelang hochbrisante private Darlehen vergeben wurden, was Ende 2008 in der US-Immobilienkrise gipfelte. Unmoralischer sind aus meiner Sicht nur noch Leerverkäufe.

    Aufwachen!! Das Motiv der inflationierenden Staatschuldenpanik ist die ins Wanken geratene Selbstherrlichkeit allzu gieriger Finanzmarktartisten. Es geht um die Rettung eines zum Selbstzweck verkommenen Finanzsystems, das längst die ganz Welt als sein Kasino betrachtet. Politiker sind da nur Statisten.

    DAS ist das Drama dieser Welt. Nicht hoch verschuldete Staaten.

  • Sie liegen völlig falsch.

    Der Staat ist ein Teilnehmer an der Wirtschaft wie auch Unternehmen und Privathaushalte.

    Es geht nicht um Profit, es geht um die Erkennntnis, daß Politiker auch nur normale Menschen sind, die zuerst ihr eigenes Wohlbefinden im Kopf haben.

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