Marsh on Monday
Die drei Fehler beim Aufbau der gemeinsamen Währung

Politiker und Notenbanker wussten nicht, worauf sie sich mit dem Euro einließen. Darunter leiden wir noch heute.
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André Szász, langjähriges Direktoriumsmitglied der niederländischen Notenbank, der seit fast 40 Jahren das Auf und Ab des europäischen Währungsgeschehens beobachtet, auch mitgestaltet hatte, hat im Hinblick auf die europäische Währungsunion einen sardonischen Satz geprägt: „Keiner der Regierungschefs, die den Maastrichter Vertrag zur gemeinsamen Währung unterzeichneten, hatte wirklich verstanden, worauf sie sich eingelassen hatten.“ Mag sein, dass die Kritik von Szász etwas überzogen ist. Aber im Grunde genommen hat der Niederländer schon recht. Gegenüber der Fülle der gegenwärtigen und wohl neu auf sie zukommenden Herausforderungen erweisen sich die Euro-Politiker als überfordert und machtlos. Besonders auffällig ist der Mangel an analytischen Fähigkeiten, den die politische Klasse – mit einigen rühmlichen Ausnahmen – seit mehr als einem Jahrzehnt an den Tag legt.

Aufzulisten sind vor allem drei Fehlkalkulationen, die sich in fortgetragener Kontinuität gegenseitig verstärkt und zur krisenhaften Zuspitzung entscheidend beigetragen haben. Erstens: Die Vorstellung, dass die einheitliche Geldpolitik zu einer symmetrischen Verteilung der Nachteile führt, hat sich als Illusion entpuppt. Der Einheitszins der Europäischen Zentralbank ist notgedrungen zu niedrig für schnell wachsende, zu mehr Inflation tendierende Länder und zu hoch für langsam wachsende, zu weniger Inflation neigende Länder. Jahrelang meinte man aber, dass die Wirkungen dieser jeweiligen Abweichungen sich gegenseitig ausgleichen. Jetzt wissen wir, dass dem nicht so ist.

Zu Beginn der Währungsunion nutzte Deutschland die Jahre gedämpften Wachstums, um seine Wirtschaftsstrukturen grundlegend zu stärken, und erntet jetzt die Früchte. Andere Länder haben sich zurückgelehnt, genossen bloß die Pfründen niedriger Zinsen und expansiver Wachstumsraten, ohne richtige Strukturreformen anzugehen – und zahlen jetzt die Zeche.

Die zweite Fehlkalkulation war, dass die Verzerrungen in der Wettbewerbsfähigkeit, die sich in einem System unterschiedlicher Preis- und Produktivitätsabläufe mit festgezurrten Wechselkursen zwangsläufig aufbauen, leicht zu korrigieren seien. Laut Statistik der OECD haben die Unterschiede in den Lohnstückkosten dazu geführt, dass Deutschland in der Spitze einen globalen Wettbewerbsvorsprung in Höhe von zehn Prozent hatte, Länder wie Spanien und Italien dagegen einen Wettbewerbsverlust von 20 Prozent erlitten. Und diejenigen, die darauf setzen, dass durch nachhaltig höhere Inflation in Deutschland die preislichen Nachteile anderer Länder wieder gutgemacht werden, dürften eine herbe Enttäuschung erleben.

Drittens war es ein Irrtum zu glauben, dass sich die durch die Wettbewerbsunterschiede verursachten hohen Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite ohne weiteres finanzieren lassen. Die Politiker und (was besonders sträflich ist) die Währungstechniker der Europäischen Zentralbank hatten einfach übersehen, dass im Euro-Raum Währungskrisen zwar verbannt sind, Kreditkrisen jedoch ausbrechen könnten. Die Folgen dieser Fehleinschätzung kennen wir seit geraumer Zeit alle. Auch künftig sollten wir von der selbstheilenden Kraft der Wirtschaftsentwicklung nicht zu viel erwarten. Die OECD schätzt, dass 2012 Deutschland und die Niederlande immer noch Leistungsbilanzüberschüsse in Höhe von sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts, Spanien, Griechenland und Portugal dagegen Defizite zwischen fünf und acht Prozent des BIP aufweisen werden. Auch nach den Rettungsmaßnahmen der letzten Monate ist längst nicht sicher, wie diese Defizite zu finanzieren sind. Politiker und Notenbanker wussten nicht, worauf sie sich einließen.

Kommentare zu " Marsh on Monday: Die drei Fehler beim Aufbau der gemeinsamen Währung"

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  • Wer David Marsh als ernsthaften Kommentator wichtig nimmt, hat natuerlich keine Ahnung wie Kapitalismus funktioniert.

    Die Sache ist so. David March schreibt genau die Meinung fuer die er bezahlt wird. Das ist halt so mit einer Consulting Firma, da wird Marsh nichts anderes machen als alle anderen Consulting Firmen auch.

    David Marsh wuerde ueber seine eigene Oma herziehen, so wie er das mit den angeblichen Designfehlern des Euros macht, wenn er damit Geld verdienen koennte.

  • Dass Fehler gemacht wurden ist offensichtlich.
    Was schlägt der Heer David Marsh als Lösung vor?
    Nichts, und NiX, oder habe ich was übersehen?
    Wir müssen aber aus dieser Sackgasse heraus kommen. Die permanente berieselung mit guten Wirtschaftsnachrichten die uns aufmuntern und zum Konsum animieren sollen, reicht doch nicht aus.
    Mein Vorschlag; wie zur Finanzierung der deutschen Wiedervereinigung, sollte eine zeit-begrenzte Zehnprozentige (10%) Solidaritätsteuer, von allen mit einem brutto-Jahreseinkommen von EURO 300.000,- und mehr, im Euroland Steuerpflichtigen bezahlt werden.
    Das würde heißen dass vor allem Finanzjongleurs und Großverdiener betroffen wären.
    Ob dadurch jemand mit nur EURO 270.00,- anstelle von EURO 300.000,- auskommen muss ist wirklich nicht zum Plärren, oder?
    ich wiederhole: von allen mit einem brutto-Jahreseinkommen von EURO 300.000,- und mehr, im Euroland Steuerpflichtigen, Nicht nur Deutsche, also kein Aufschrei liebe deutsche National-Egoisten.

  • als Unternehmer oder Normalbürger heißt es immer:
    Unwissenheit schützt nicht vor Strafe!

    Aber unsere sogenannten Eliten haben nie etwas verstanden, von Nichts etwas gewusst, sind zu intelligent um Verträge, welche sie unterzeichnen richtig durchzulesen und wollen keine Verantwortung übernehmen!

    Wozu braucht man diese Leute überhaupt??? Ob bei Hypo Alpe Adria, beim Maastricht- oder Lissabonvertrag. Da sitzen die Herrschaften in den Aufsichtsräten, unterschreiben Verträge und haben keine Ahnung. Seltsamerweise kommen sie aber immer wieder auch bei Gerichtsverhandlungen, falls sie denn angeklagt werden, ohne Schaden davon.

    Frau Gatzke hat mit allem Recht.
    WiR MÜSSEN RAUS AUS DiESER EU UND DEM EURO!!! SCHNELL!!!

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