Merrill Lynch
Der Intellektuelle in der „Donnernden Herde“

Merrill Lynch hat schließlich doch noch etwas richtig gemacht. John Thain zu engagieren, um den in Schwierigkeiten geratenen Wertpapiergiganten wieder auf den rechten Weg zu führen, sieht wie ein cleverer Schachzug aus. Sicher, der vergeistigt wirkende Technokrat war nie ein Broker – und das mag einigen der über 16 000 Makler der „Donnernden Herde“ die Nackenhaare aufstellen.

Aber dieser Bereich des Geschäfts ist ja auch nicht das Problem. Die Kapitalmarkt-Expertise von Thain, sein Geschick im operativen Geschäft, sein auf Konsens bauender Führungsstil und seine erwiesene Fähigkeit, raffinierte Abschlüsse durchzuziehen, sind genau das, was Merrill Lynch jetzt braucht.

Das Hypotheken-Debakel, das Stan O’Neal den Kopf gekostet hat, könnte weiter sich fortsetzen. Die Schwierigkeit, den Wert einiger Vermögenswerte festzulegen und die anhaltende Verschlechterung auf dem Markt für mit Immobilien besicherte Wertpapiere, könnten zu weiteren Abschreibungen führen. Thain war früher Hypothekenhändler. Und die Vogelperspektive, aus der er die Kapitalmärkte während seiner Arbeit als Finanzvorstand und Präsident von Goldman Sachs beobachten konnte, sollte ihm einen nützlichen Überblick gewähren, während er versucht, den Schlamassel zu bereinigen.

Vielleicht genau so wichtig ist sein Ruf, erfolgreich Konsens herstellen zu können. Die Nachfolgefrage bei Merrill Lynch war durch den Hang von O’Neal erschwert worden, potenzielle Herausforderer zu vertreiben. Thains Fähigkeit, Talente anzulocken und zu halten – nicht zuletzt um die Spitzenbanker zu ersetzen, die wegen der Verluste im Zusammenhang mit den Hypothekengeschäften gehen mussten –, wird Ausschlag gebend dafür sein, die Abteilung für Festverszinsliche von Merrill Lynch wiederaufzubauen.

Von Thain weiß man zudem, dass er durchsetzen kann, was notwendig ist, auch wenn er dabei einer internen Opposition ausgesetzt ist. Die Händler auf dem Parkett der NYSE mögen Dick Grasso geliebt haben, weil er ihre Jobs geschützt hat. Aber es war Thain, der ihre Reihen ausgedünnt hat, als die Börse den notwendigen Schritt zum elektronischen Handel vollzogen hat.

Natürlich könnte es sein, dass die Leiden von Merrill Lynch drastischere Wege der Heilung erforderlich machen. Die Verluste im dritten Quartal führten zur Rücknahme ihrer Bonitätsbewertung, wodurch sich die Kapitalkosten erhöht haben. Wenn Merrill Lynch zu der Überzeugung kommt, dass es notwendig ist, etwa mit einer kapitalstarken Geschäftsbank zusammenzugehen, dann legt die Erfolgsbilanz von Thain, die er sich bei der NYSE Euronext beim Erzielen von Geschäftsabschlüssen erarbeitet hat, nahe, dass er auch dafür gut gerüstet ist – anders als O’Neal, der seinen Antrag an Wachovia in letzter Minute gemacht und in den Sand gesetzt hat.

Nehmen wir zum Beispiel Thains Übernahme der größeren Archipelago Holdings 2006. Es war wirklich ausgefeilt, wie er da eine attraktive Beute und zugleich eine Börsennotierung ergattert hat. Und der nachfolgende Kauf der Euronext hat der NYSE zu einer starken globalen Ausrichtung verholfen. Sollte sich in Zukunft ein ähnlich kühner Deal für Merrill Lynch abzeichnen, dann sieht es ganz danach aus, dass Thain der richtige Mann ist, ihn durchzuziehen.

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