Ordnungpolitischer Einspruch
Reichlich Hausaufgaben für die G20

Der Vertrauensverlust in die Finanzwirtschaft und weltweite Überinvestitionen haben die Krise vorangetrieben. Die Beschlüsse des Weltfinanzgipfels sind ein guter Anfang, doch um die Krise wirksam zu bekämpfen, müssen die Teilnehmer weitere Anstrengungen unternehmen.
  • 0

Der Weltfinanzgipfel in London hat hohe Erwartungen geweckt, teilweise waren sie stark überzogen. Manche vermittelten den Eindruck, als könne auf der Konferenz per Beschluss das Ende der Weltfinanzkrise herbeigeführt werden. Wieder andere zogen den Vergleich mit der gescheiterten Weltwirtschaftskonferenz von 1933 in London. So eingängig der historische Vergleich ist, so geht er doch fehl.

Die damalige Krise ist in ihrem Ausmaß und ihrem Verlauf nicht ohne die besondere Vorgeschichte zu verstehen. Die Folgen des Ersten Weltkrieges für die internationalen Kapitalströme und die Wechselkurspolitik waren verheerend. Die Hyperinflation der 20er-Jahre hatte weitreichende Folgen für das finanzpolitische Handeln. Der aufkeimende Systemkonflikt zwischen den westlichen Nationen und dem kommunistischen Russland führte zu Verwerfungen auf den Weltagrarmärkten. Schließlich wurde der Verlauf der Krise durch restriktive Geldpolitik und Finanzpolitik verschärft.

Gerade bezogen auf die Makropolitik lässt sich erkennen, dass die Lektionen gelernt wurden. Jetzt geht es um die Frage, ob nicht bereits genug getan wurde und wie nun der Blick auf die mittelfristigen Folgen dieser Expansionspolitik für Staatsfinanzen und Inflation gerichtet werden kann. Sicher, das berühmte Licht am Ende des Tunnels ist noch nicht zu sehen. Doch weisen einige Indikatoren wie Zinsstruktur, die Frachtraten, die Beruhigung einiger Kapitalmärkte zusammen mit den Erwartungen der Unternehmen auf ebendiese Bodenbildung hin.

In jedem Fall erscheint es unangemessen, die Menschen durch fragwürdige Darstellungen zusätzlich zu verunsichern, daran besteht schon jetzt kein Mangel. So konnte man dieser Tage in einem Magazin Schrumpfungsraten für die Weltproduktion in zweistelliger Höhe eindrucksvoll in einem Schaubild dargestellt zur Kenntnis nehmen. Die angefügte Fußnote, dass es sich dabei um Veränderungen auf Jahresrate hochgerechnet handle, war zwar ehrlich, doch kein Beitrag zur Aufklärung. Hier war das Verschrecken die gezielte Absicht, nicht die Information.

Die Erwartungen an den Weltfinanzgipfel waren recht unterschiedlich, was wohl auch einer großen Variation der Krisendeutung geschuldet ist. Grundsätzlich sind zwei Sichtweisen aus dem Gebräu der öffentlichen Debatte zu destillieren: Einerseits lässt sich diese Wirtschaftskrise als Reaktion auf das Misstrauen gegen das gesamte Finanzsystem nach der Insolvenz der Investmentbank Lehman am 15. September 2008 deuten. Dafür spricht, dass bis dahin die Auftragseingänge und andere Konjunkturindikatoren lediglich eine ganz gewöhnliche rezessive Bereinigung ankündigten, nicht aber den Absturz, den wir seit dem September erleben.

Seite 1:

Reichlich Hausaufgaben für die G20

Seite 2:

Kommentare zu " Ordnungpolitischer Einspruch: Reichlich Hausaufgaben für die G20"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%