Ordnungspolitischer Einspruch
Angebot für die Verlierer

Verteilungsfragen erregen stets besondere Aufmerksamkeit. Eine davon treibt derzeit Öffentlichkeit und Wissenschaft gleichermaßen um: Was wäre gewonnen, wenn starkes Wachstum nur bestimmten Gruppen der Gesellschaft zugute käme?

Unser gesellschaftlicher Konsens, der die Verantwortungsgemeinschaft im Staat auf alle Bürger bezieht, fußt schließlich auf der Vorstellung, dass die Verteilung von Einkommen und Vermögen eher enger als weiter wird, dass die Sorgen um die Zukunft nicht allzu ungleich verteilt sind, dass es faire Aufstiegschancen gibt.

Dieses konsensuale Empfinden hat in der Bundesrepublik eine lange Tradition. Das Versprechen der Sozialen Marktwirtschaft, "Wohlstand für alle" (Ludwig Erhard) zu bieten, verdichtete sich in der Vorstellung von einer nivellierenden Mittelstandsgesellschaft (Helmut Schelsky).

Mit diesem Konzept verband sich dabei weniger eine konkrete Vorstellung von Gleichheit als vielmehr das Ziel, dass die Ungleichheit der Chancenverteilung nicht zunimmt. Extreme Verarmung wie in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sollte nie mehr drohen.

Davon sind wir heute tatsächlich weit entfernt. Allerdings wird immer offensichtlicher, dass der volkswirtschaftliche Strukturwandel im globalen Standortwettbewerb nicht spurlos an der Einkommensverteilung vorbeigeht. Nach einer Studie des DIW hat zuletzt die Gruppe mit mittleren Einkommen (technisch gesprochen zwischen 70 und 150 Prozent des Medianeinkommens) an Bedeutung verloren. Während der Anteil dieser Gruppe in den neunziger Jahren weitgehend stabil bei knapp 62 Prozent lag, reduzierte er sich seit dem Jahr 2000 auf 54 Prozent.

Mit dieser Veränderung einhergehend hat sich die Einkommensschichtung verfestigt. Anders gewendet: Die Mobilität zwischen den verschiedenen Einkommensgruppen hat im Vergleich zwischen den Zeiträumen 1996 bis 2000 und 2000 bis 2006 abgenommen. Die gestiegenen Armutsrisiken nach der Jahrtausendwende reflektieren die anhaltende wirtschaftliche Stagnation und die damit verbundene hohe verfestigte Arbeitslosigkeit. Zugleich zeigen sich die strukturellen Veränderungen in der Beschäftigung - mehr Zeitarbeit, mehr Teilzeit, mehr geringfügige Beschäftigung.

Neben den Trends am Arbeitsmarkt hat sich in der Einkommensverteilung auch der soziale Wandel niedergeschlagen. In der mittleren Gruppe ist die Anzahl der Haushalte von Alleinerziehenden deutlich angestiegen, die - wegen der traditionell bei uns schwer mit voller Erwerbstätigkeit zu vereinbarenden Kindererziehung - besonders armutsgefährdet sind. Zugleich fällt in der mittleren Einkommensschicht auf, dass die Anzahl der Personen in Familienhaushalten zurückgeht. Wir beobachten ein Schrumpfen der gesellschaftlichen Mitte.

Diese Befunde sind keineswegs neu. Sie fügen sich in ein breites Spektrum von Analysen über die Wirkungen der vertieften internationalen Arbeitsteilung und des technischen Fortschritts ein. Der Internationale Währungsfonds hatte dazu im vergangenen Oktober eine ländervergleichende Studie vorgelegt. Danach kommt dem technischen Fortschritt als Ursache größerer Ungleichheit eine wesentlich größere Bedeutung zu als der Globalisierung, wobei der Welthandel die Ungleichheit mindert und Direktinvestitionen diese verstärken.

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