Vielleicht könnten wir
“Yes we can”-Rally droht von der Realität eingeholt zu werden

Die Aussicht auf einen zukünftigen Präsidenten Obama und immer größere staatliche Rettungspakete haben Aktien überall Auftrieb gegeben, in den USA legten sie um 18 Prozent zu. Aber die Entlastung auf dem Finanzmarkt kommt nur schmerzhaft langsam voran und die Weltkonjunktur lässt nach. Am Mittwoch nach der Wahl scheint der positive Geist die europäischen Börsen verlassen zu haben.

Obama-Rally: Yes we can. Na ja, so ungefähr. Die Parole der Barack-Obama-Rally und ein schier endloser Strom von Krisenbewältigungsmaßnahmen durch Regierungen und Zentralbanken führte im Vorfeld der Wahlen zu einer Rally. Besonders deutlich zeigte sich der Auftrieb an den Aktienbörsen, wo die Stimmung ja öfter über die Realität triumphiert. Zwischen dem 27. Oktober und dem Wahltag schnellte der S&P-500-Index um 18 Prozent nach oben.

Auch auf den ökonomisch bedeutsameren Kreditmärkten legte sich die trübe Stimmung etwas. Die Zinsspannen bei Krediten guter Bonität (Investment Grade) und am Interbankenmarkt sind zusammengeschrumpft, bleiben aber gemessen an den Vorkrisenverhältnissen weiterhin hoch. Bei Unternehmens- und Konsumentenkrediten lautet der Bankenslogan nach wie vor "No, we can?t". Der Markt für Unternehmensanleihen ist nahezu ausgetrocknet und trotz der staatlichen Kapitalhilfen haben die Banken noch immer nicht die Mittel oder das notwendige Vertrauen, um freiweg Kredite zu vergeben.

Vielleicht wäre es besser, den anhaltenden Druck auf die Schattenseite des Bankensektors zu verlagern. Aber sich darauf einzulassen - Beteiligungsunternehmen wie Calyle prognostizieren für die nächsten Jahre geringe Renditen, Hedgefunds gewähren verärgerten Kunden üppige Gebührennachlässe - würde die Misere nur verlängern. Schließlich ist kaum zu erwarten, dass solche Geschäfte ohne den Zugang zu umfangreichen Kreditmitteln florieren.

Aber auch die reale Wirtschaft gibt Anlegern mehr als genug Gründe, sich mit Investitionen zurückzuhalten, egal wer nun Präsident der Vereinigten Staaten ist und egal wie großzügig seine fiskalpolitischen Maßnahmen noch ausfallen werden. Das Vertrauen in die Wirtschaft und die Kaufbereitschaft sind an einem Tiefpunkt angelangt, die Autoumsätze stürzen in den Keller und die Arbeitslosigkeit steigt selbst in den reichsten Ländern.

Am Mittwoch früh veröffentlichte der Stahlgigant ArcelorMittal bedrückende Zahlen - Umsätze, die um 10 Prozent hinter den Erwartungen zurückblieben und vorübergehende Produktionskürzungen um 30 Prozent, nachdem schon vor einigen Wochen um 15 Prozent gedrosselt worden war. Das Unternehmen ist gut gerüstet, die Branche auch durch schwierige Zeiten zu führen, aber die Zeiten sind auch tatsächlich hart.

Die Nachrichten aus dem Haus ArcelorMittal - oder vielleicht auch nur die Substitution einer Veränderungshoffnung durch einen real gewählten neuen Präsidenten - waren für europäische Börsenanleger zu viel. Am späten Vormittag des 5. November lag der Euronext-100-Index bereits mit 3 Prozent im Minus. Die Anleger warten erst einmal ab, was der zukünftige Bewohner des Weißen Hauses wirklich kann.

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