Florian Kolf - Was vom Tage bleibt
Von Milliardengräbern und Schnapsideen

Während die Commerzbank eine wichtige Personalie endlich geklärt hat, schiebt die Regierung Entscheidungen auf die lange Bank. Aber wahrscheinlich ist ohnehin das Bier schuld an der Finanzkrise. Der Tagesrückblick
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Wunderschönen guten Abend,

Commerzbank löst immerhin ein Problem

die spannendste Personalie des Tages verrät einiges über den Zustand der einst so stolzen Bankenbranche. Nach langer Suche hat die Commerzbank einen neuen Finanzchef gefunden. Der neue Mann, Stephan Engels, kommt aber nicht aus den eigenen Reihen und auch nicht von einem Konkurrenten, sondern vom Autobauer Daimler. Dass die Bank ausgerechnet in einer extrem schwierigen Phase, in der sie frisches Kapital in Höhe von fünf Milliarden Euro braucht, einen Branchenfremden an die Spitze des Finanzressorts beruft, zeigt, wie wenig von einstigen Selbstbewusstsein des Instituts übrig geblieben ist. Vorbild ist offenbar der große Konkurrent Deutsche Bank. Der hat sich schon im Jahr 2008 einen Finanzvorstand von BMW geholt - und ist mit ihm vergleichsweise gut durch die Euro-Krise gefahren. Es gibt aber einen großen Unterschied: Stefan Krause hatte bei der Deutschen Bank ein gut bestelltes Haus übernommen. Auf Stephan Engels wartet ein ganzer Strauss Probleme.

Thyssen-Krupp vermehrt die Verluste

Ein schwarzer Tag war es für den Traditionskonzern Thyssen-Krupp. Überraschend hat das Unternehmen heute bekannt gegeben, dass es im vergangenen Geschäftsjahr 1,78 Milliarden Euro Verlust verbucht hat. Eine Bombe, die die Aktie auf Talfahrt schickte. Dabei hatte der für den Bereich zuständige Vorstand Hans Fischer noch im Oktober stolz verkündet, die Probleme mit dem Stahlwerk in Brasilien seien mittlerweile im Griff. Jetzt muss Fischer das Unternehmen verlassen - aber das Milliardengrab in Südamerika bleibt.

Merkel dämpft die Hoffnung

Auch ein weiteres Milliardengrab wird wohl so bald nicht zu schließen sein. In ihrer Regierungserklärung hat Kanzlerin Angela Merkel heute einräumen müssen, dass es keine Hoffnung auf einen Befreiungsschlag in der Schuldenkrise beim EU-Gipfel in der kommenden Woche gibt. „Die Bewältigung der Staatsschuldenkrise ist ein Prozess und der wird Jahre dauern“, sagte Merkel. Die Märkte wussten offenbar gar nicht, was sie von diesen Aussagen halten sollten. Zunächst überwog die Hoffnung und der Dax stieg, positive Arbeitsmarktdaten aus den USA taten ein übriges. Doch dann kam die Tristesse zurück und die Kurse gaben wieder nach. Auch hier nachhaltige Verunsicherung. Die Schuldigen sind für Deutsche-Bank-Chef Ackermann klar. „Alles in allem waren es vor allem politische Entscheidungen, die zur Eskalation der Lage geführt haben", sagte er bei einem Kongress in der Hamburger Michaelis-Kirche.

Schäuble verärgert die Unternehmer

Gründlich verunsichert hat die Bundesregierung auch die deutschen Unternehmer. Wie heute durchsickerte, werden wohl drei wichtige Maßnahmen zur Steuerreform, vorläufig nicht weiterverfolgt. Betroffen seien die Vorhaben zu Änderungen bei der Unternehmensbesteuerung, der Mehrwertsteuer und das zweite Paket zur Steuervereinfachung, hieß es. In ihrer Verzweiflung hat die Wirtschaft Finanzminister Wolfgang Schäuble jetzt schon einen Deal angeboten. Wenn die Steuerreform doch wie geplant komme, sei man sogar bereit, einen umfassenden Subventionsabbau mitzutragen, sagte DIHK-Chef Martin Wansleben. Das Schlimmste für die Unternehmen ist das hin und her. Und das geht fröhlich weiter: schon kommen die ersten Stimmen aus der FDP, die Schäuble auffordern, die Maßnahmen doch noch in dieser Legislaturperiode umzusetzen. Mein Weihnachtswunsch: Eine Regierung, die endlich mal konsequent durchzieht, was sie geplant hat.

Was fehlt? Die Royal Bank of Scotland hat 918 britische Kneipen an den Braukonzern Heineken verkauft. Eine gute Entscheidung, sollte doch immer sichergestellt werden, dass Finanzgeschäfte mit nüchternem Kopf abgewickelt werden. Doch wenn man sich so manche Schnapsidee anschaut, die zu Milliardenverlusten in der Finanzkrise geführt hat, sollte man mal systematisch das Portfolio der europäischen Banken durchforsten. Ich bin mir sicher, da findet sich noch so manche Kneipe oder Schnapsbrennerei.

In diesem Sinne hebe ich mein Glas auf ein interessantes und entspannendes Wochenende,

Florian Kolf

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Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum

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  • Vor 50 Jahren erzähltemir ein Klassenkamerad, dass sein Vater in seinem Büro immer das Radio am Laufen hatte, um zu erfahren, wenn die Russen einmarschieren. Jetzt habe ich von der Sekretärin des Sohnemanns erfahren, dass dieser auch immer das Radio an hat, um zu hören, ob der Euro noch existiert. So gewährt die Finanzkrise nicht nur Erleuchtung, wer in der großen Poltik mit wem ins Bett geht, sondern man erfährt auch etwas über die intime Denke der nahen Mitmenschen. Danke, Finanzkrise !

  • Facebook fasse ich nicht einmal mit der Kneifzange an.

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